Anklage: 37-Jähriger hat mit Amphetaminen gehandelt und setzte Kunden unter Druck

Drogen und Drohungen

Kassel. Klaus Döll ließ sich nicht nur in die Karten schauen, er breitete sie offen aus. „Mir“, verkündete der Richter am Kasseler Amtsgericht in ungewöhnlicher Freimütigkeit, „ist dieses Verfahren nicht mehr als drei Jahre wert.“

Doch Staatsanwalt Karl-Heinz Ernst konterte kühl: „Mir schon.“ Und Verteidigerin Gudrun Meyer wünschte sich eine Strafe knapp unter der Dreijahresgrenze. Denn sonst drohe ihrem Mandanten die Abschiebung in die Türkei. Wo er geboren wurde, aber seit dem Säuglingsalter nicht mehr gelebt hat.

Heute ist er 37 Jahre alt und hat, wie seine Anwältin zugab, in seinem Leben „nicht viel auf die Reihe gekriegt“. Außer sich mit dem zu beschäftigen, was ihn am Mittwoch auf die Anklagebank führte: Drogen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, mit Amphetaminen („Speed“) gehandelt zu haben. Im Jahr 2010 soll er einem heute 36-Jährigen in drei Lieferungen insgesamt vier Kilogramm des Stoffs zum Weiterdealen verkauft haben. Stets übergeben in Plastiktüten an Straßenbahnhaltestellen im Kasseler Westen.

Und ein Jahr später habe er die Schulden seines Kunden in Höhe von 8000 Euro rüde einzutreiben versucht, heißt es in der Anklage. „Wenn ich mein Geld nicht bekomme, mache ich dich kalt“, soll er gesagt haben. „Ich steche nicht nur dich ab, sondern auch deine Familie.“ Was der Angeklagte allerdings vehement bestreitet. „Das mit den Betäubungsmitteln, das stimmt“, erklärte er, als er nach üppigem Vorgeplänkel der Juristen endlich zu Wort kam. „Aber ich habe ihn nicht bedroht.“ Niemals habe er Sätze ausgesprochen wie die, die die Staatsanwaltschaft ihm zur Last legt. „Das stimmt einfach nicht.“

Lebenslauf von Sucht geprägt

Diese Beteuerungen blieben beim Prozessauftakt zunächst unwidersprochen. Sein ehemaliger Kunde hatte sich kurzfristig krank gemeldet und konnte deshalb nicht wie geplant als Zeuge vernommen werden. Stattdessen gab der Angeklagte einen Einblick in seine geradezu klassische Drogenkarriere. „Mein Vater kam immer betrunken nach Hause und hat meine Mutter geschlagen“, erzählte er. Deshalb sei er so oft wie möglich nicht daheim gewesen, sondern habe lieber mit Freunden herumgehangen - und dabei schon als 14-Jähriger zum ersten Mal Haschisch geraucht.

„Dann habe ich Heroin genommen, Kokain auch“, berichtete er. „Mein Kopf war nur noch auf die Drogen fixiert.“ Ohne Stoff habe er nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, sich mitunter nicht einmal mehr bewegen können. Er brach seine Ausbildung ab, hörte auf, Fußball zu spielen, und wäre einmal sogar fast erfroren, als er zugedröhnt im Schnee stürzte und erst nach Stunden entdeckt wurde. Nur knapp entging er der Amputation von Armen und Beinen.

Jetzt hofft er auf eine Therapie. Am 11. Dezember wird der Prozess fortgesetzt.

Von Joachim F. Tornau

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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