Pate der Münchner Russen-Mafia vor dem Kasseler Amtsgericht

Kassel. Fünf Polizeiwagen vor dem Gerichtsgebäude, Polizisten auf dem Flur, zwei Sicherheitskontrollen, bei denen selbst Schuhe untersucht wurden: Ein als äußerst gefährlich geltender Mann stand am Mittwoch vor dem Kasseler Amtsgericht. Tigran K. soll Kopf der Russen-Mafia in Bayern sein, mit Kontakten zu Kriminellen in aller Welt.

Zurzeit verbüßt der 43-jährige Armenier eine elfjährige Haftstrafe. Er sitzt bis 2019, unter anderem wegen Drogenhandels und Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Der Staat lässt sich die Haft des Paten einiges kosten: Der Mann wird aus Sicherheitsgründen jedes Jahr in ein anderes Gefängnis verlegt, dort wechselt er allmonatlich die Zelle. Er sitzt in Einzelhaft (jetzt im thüringischen Tonna), darf mit anderen Gefangenen nicht sprechen. Man fürchtet, dass er aus dem Gefängnis heraus sein Imperium befehligen könnte.

In der Justizvollzugsanstalt in Wehlheiden saß der kleine, drahtige Mann im vergangenen Jahr. Er fiel vor allem dadurch auf, dass er die Justizbeamten im Gefängnis oft und lauthals beleidigte und bedrohte. Es ging so weit, dass er einem Stationsbeamten ins Gesicht spuckte. Zuweilen drohte er den Beamten, er werde sie töten.

Wegen Beleidigung und Bedrohung saß der Mafioso also am Mittwoch vor dem Amtsgericht. Er wurde mit Fußfesseln vorgeführt und verweigerte jede Aussage. Nur einmal wurde er laut, als er einen Zeugen als „Lügner“ beschimpfte. Die Sachlage war schnell klar: Alle Zeugen schilderten äußerst sachlich, wie und wann sie von Tigran K. beleidigt und bedroht worden seien.

Nur: War der Mann überhaupt dafür verantwortlich? Die Gefängnisärztin schilderte vor Gericht, dass Tigran K. früher eine schwere Persönlichkeitsstörung hatte, hervorgerufen durch intensiven Drogenkonsum. In Bayern hatte Tigran K. nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung mit seiner Bande seit 2001 um die Vorherrschaft im Heroinhandel gekämpft.

In Wehlheiden bekam er Medikamente, die wie Ersatzdrogen gewirkt haben sollen. Tigran K. nahm sie unregelmäßig. Auf jeden Fall habe er die Psychose überwunden, was blieb, war eine „Impulsstörung“, sagte die Ärztin: Der 43-Jährige kann sich nur schwer kontrollieren.

Oberstaatsanwalt Jürgen Müller-Brandt forderte eine Gefängnisstrafe von acht Monaten, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden sollte, Verteidiger Artak Gaspar wollte drei Monate auf Bewährung. Der Vorsitzende Richter Henning Leyhe beließ es bei einer Geldstrafe: 160 Tagessätze zu fünf Euro. Tigran K. darf im Gefängnis nicht arbeiten und verdient nichts. Der Richter unterstellte eine verminderte Schuldfähigkeit.

Ein JVA-Beamter kommentierte das so: „Na, wenigstens überhaupt ein Urteil“.

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