Sozialarbeiterin erzählt

Kasseler Drogenstrich: „Die Freier leben ihren Sadismus aus“

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Symbolbild

Kassel. Warum besuchen Männer den Drogenstrich? Und wie ergeht es den Prostituierten dort? Darüber haben wir mit einer Kasseler Sozialarbeiterin gesprochen.

Aktualisiert um 14.20 Uhr - Was muss ich mir unter einem Strichpunktraum vorstellen? Was geschieht da?

Panja Pötter: Durch die räumliche Verbindung des Drogen- und Prostituierten-Milieus überschneiden sich Lebens- und Arbeitsraum. Den Prostituierten fehlt damit ein Rückzugs- und Schutzraum. Wir bieten diesen Frauen, die häufig kein eigenes Zuhause haben, einen Ort der Ruhe vor dem Szene-Stress, aber natürlich auch für unsere Beratung. Ziel ist, Kontakte zu den Frauen aufzubauen und eine Vertrauensbasis zu schaffen, die nötig ist, um sie zum Ausstieg aus Drogenkonsum und Prostitution zu bewegen. Konkret bieten wir Sprechstunden an. Montagfrüh beispielsweise laden wir zum Frühstück ein. Dann ist unser kleiner Raum fast immer mit durchschnittlich acht Frauen im Alter zwischen 20 und Ende 40 gut gefüllt. Obwohl sie nachts gearbeitet und konsumiert haben, sind sie pünktlich da. Nicht selten haben sie guten Appetit um nicht zu sagen Hunger. Zwischendurch können wir uns zurückziehen, um Einzelgespräche oder Telefonate zu führen. Die Frauen bekommen von uns Hygiene-Artikel, Kleidung und Kondome.

Von welchen und wie vielen Frauen wird der Strichpunkt besucht?

Pötter: Regelmäßig kommen zwischen zehn und 20 Frauen. Es sind in der Regel Drogenabhängige, die sich illegal im Sperrgebiet prostituieren. Viele direkt vor unserer Türe, im Schiller-Viertel.

Mit welchen Problemen wenden sich die Frauen an Sie?

Pötter: Die meisten haben große Wohnungsnot. Geld ist natürlich ein Problem, sie sind verschuldet. Häufig gibt es zwischenmenschliche und Beziehungs-Probleme, über die sie reden möchten. Auch über die Freier wird gesprochen. Wir motivieren die Frauen, sich darüber auszutauschen, auf sich gegenseitig aufzupassen, um sich auch vor gefährlichen Freiern warnen zu können. Denn das Milieu ist teils sehr gefährlich. Vor Jahren ist eine aus Kassel vermisste Beschaffungsprostituierte später ermordet aufgefunden worden. Ihr Mörder wurde nie ermittelt. Die Frauen sind meistens sehr allein mit ihren Problemen, familiären Beistand gibt es für sie nicht mehr.

Was sind das für Freier, die zu Beschaffungsprostituierten gehen?

Kasseler Sozialarbeiterin: Panja Pötter

Pötter: Es gibt Männer, die wollen die Frauen retten und es gibt Männer, die nutzen sie aus. Einige wenige suchen hier auch eine Partnerin. Die Meisten aber suchen genau diese Schutz- und Willenlosigkeit der Frauen. Den Drogenstrich suchen sie auf, um die Abhängigkeit der Frauen auszunutzen. Unter Drogeneinfluss gelingt es ihnen kaum, eigene Forderungen und Schutzstrategien durchzusetzen. Für Geld machen sie fast alles. Einige Freier leben an ihnen ihren Sadismus aus, sind besonders respektlos und brutal. Wir erfahren von ungeheuerlichen Perversionen und Erniedrigungen. Natürlich zahlen Freier von Beschaffungsprostituierten Dumpingpreise. Die Frauen machen sich gegenseitig die Preise kaputt. Weil sie im Kasseler Sperrbezirk unterwegs sind, springen sie schnell ins Auto, ohne vorher einen Preis ausgemacht zu haben – damit sie nicht von Polizei oder Ordnungsamt erwischt werden. Der Freier drückt dann den Preis – manchmal auf die fünf Euro, die die Frauen benötigen, um in der Apotheke ein Rezept einzulösen. Er verlangt Geschlechtsverkehr ohne Kondom – was nach dem neuen Prostituiertenschutzgesetz verboten ist – und anderes. Es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer an Vergewaltigungen.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Was passiert dann? 

Pötter: Oft erfahren wir erst Tage oder Wochen später von der Vergewaltigung und dann sind alle Beweise weg. Die Erfahrung hat den Frauen gezeigt, dass ihnen nicht geglaubt wird und der Täter, wenn er gefasst wird, nicht oder nur gering bestraft wird. Deshalb stellen die Frauen keine Anzeige. Wir versuchen jedoch die Ängste abzubauen, sie dafür zu sensibilisieren, dass sie kein Freiwild sind und dass sie selber wegen illegaler Prostitution nicht belangt werden, da das minder schwere Vergehen in Anbetracht einer Vergewaltigung fallen gelassen wird.

Was unterscheidet Ihr Klientel von anderen? 

Pötter: Der Suchtfaktor. Mit dem steht und fällt alles. Unser großes Ziel ist, dass die Frauen ein drogenfreies Leben führen, ohne Prostitution. Dafür müssen sie erst einmal Lebensqualität ohne Drogen entdecken. Dass man die Frühlingssonne genießen kann und das nichts kostet. Das haben sie komplett verlernt. Für sie sind Dinge, die nichts kosten, oft auch nichts wert. 

Welche Drogen sind es, die konsumiert werden? 

Pötter: Fast alles. Kokain, Heroin, Medikamente, synthetische Drogen, Speed, Ecstasy, MDMA. Oft sehr viel Alkohol, Nikotin und Marihuana. Das Gefährliche ist die wahllose Kombi. Das führt leicht zu Bewusstseinsveränderungen.

Haben Beschaffungsprostituierte Zuhälter? 

Pötter: Oft schaffen die Frauen für einen – manchmal auch vermeintlichen, weil unehrlichen – Partner mit an. Teils bezahlen die Frauen ihre Drogen beim Dealer mit Sex oder auch mal mit Drogenkurrierdiensten. Auch Vermieter lassen sich mit Sex bezahlen. Das sind nicht die klassischen Zuhälter. Ausgenutzt werden die Frauen trotzdem häufig.

Gibt es auch Dinge, über die die Frauen nicht reden? 

Pötter: Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei unseren Klientinnen oft um polytoxabhängige Frauen mit zutiefst traumatischen Vorgeschichten handelt. Psychosen begegnen uns täglich, da müssen wir sorgsam reagieren. Es ist traurig mit ansehen zu müssen, wie bei manchen durch den wahllosen Drogenkonsum die Gehirnzellen wegsterben. Sie reden erst normal mit uns, dann beschimpfen sie uns, Wut bricht sich Bahn. Zu ihren pathologischen Problemen artikulieren sich die Frauen aber in der Regel nicht. Das müssen wir durch Anamnesen und Befragungen in Erfahrung bringen.

Können Sie helfen? 

Pötter: Es ist unsere Philosophie, Vertrauen und eine Beziehung aufzubauen. Wir möchten, um helfen zu können, Einblick in ihr Leben bekommen. Oft sind wir Familienersatz. Wir halten den Kontakt und kümmern uns, wenn die Frau in einer Klinik ist oder eine Gefängnisstrafe verbüßen muss. Wir müssen mit unserer Hilfe geduldig sein, denn die Frustrationstoleranz unserer Klientinnen ist ganz gering. Die meisten der Frauen bringen wir zur Substitution. Das ist ein Anfang. Aber wir erleben leider auch, dass unsere Klientinnen jung sterben.

Infos finden Sie hier im Internet

Kontakt: strichpunkt@drogenhilfe.com

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