Druselturm öffnet erstmals für Besucher

Im alten Gemäuer: Historiker Christian Presche (von links), Veranstalter Bernd Tappenbeck (in der Hand das Konterfei des fehlenden Tom Gudella), Ruth Wagner vom städtischen Kulturamt, Produktdesigner Oliver Gerstheimer, Veranstalter Jens Domes und Grafikdesigner Nikolaus Birk.

Kassel. Angefangen hat alles mit einer Flasche Mundwasser. Kaninchen hatten das Relikt aus Kriegszeiten ans Tageslicht gebuddelt und in Folge die Sammelleidenschaft zweier Kasseler Studenten befeuert.

Der Druselturm im Regiowiki

Die Trümmerschutt-Exponate sind rund 70 Jahre alt – der Raum, in dem sie jetzt gezeigt werden, stolze 600 Jahre: Der Druselturm in der Innenstadt ist erstmals öffentlich zugänglich. Bis zum 16. September werden im Erdgeschoss des mittelalterlichen Rundturms die gesammelten Alltags-Gegenstände aus den Jahren 1938 bis 1955 ausgestellt. Niveadosen, Haarwasser- und Hustensaftfläschchen, Zahnbürsten, Parfum-Flacons und selbst eine aus einem alten Fahrradschlauch zugeschnittene Schuhsohle – all diese historischen Fundstücke hat Oliver Gerstheimer entdeckt: „Dinge, die keinen Wert haben, die aber Geschichten erzählen.“ Gemeinsam mit einem Freund war er in den 90er-Jahren bei Spaziergängen im Park Schönfeld, am Rosenhang in der Karlsaue und am Auestadion auf die Relikte aufmerksam geworden.

In den Folgejahren haben die beiden viele Hundert Gegenstände gereinigt, bestimmt und aufbewahrt. Nur ein geeigneter Ausstellungsort war noch nicht gefunden. Bis Produktdesigner Oliver Gerstheimer (Agentur Chillimind) im vergangenen Jahr auf den Verein „Vikonauten“ traf. Das Trio Jens Domes, Bernd Tappenbeck und Tom Gudella bietet seit 2009 unterirdische Stadtführungen an. Bei einer dieser Führungen kamen sie mit Gerstheimer in Kontakt, der von seinen historischen Funden berichtete. Die Idee, die Trümmerschutt-Relikte an exponierter Stelle zu zeigen, war geboren: Der Druselturm, den die Vikonauten schon länger im Visier hatten, sollte es sein.

„Noch nie war der Turm öffentlich zugänglich“, sagt Domes. Es freue ihn besonders, den einstigen Wehrturm im „Schatten der documenta 13 zu eröffnen“. Anfang des Jahres hatten sich die drei Kulturschaffenden grünes Licht von der Stadt geholt und den Turm seither in Eigenleistung mit Technik ausgestattet. Finanziell unterstützt werden sie vom städtischen Kulturamt.

Immer montags wird es nun Führungen mit Erläuterungen zur Geschichte geben. Wer allerdings hofft, hoch in den 44 Meter hohen Turm steigen zu können, den müssen die Veranstalter enttäuschen: Der Aufstieg wäre viel zu gefährlich. Den Turm begehbar zu machen – da bräuchte es einen Mäzen, sagen die Organisatoren. Die Besichtigung beschränkt sich also auf das Erdgeschoss.

„Wir bieten aber einen virtuellen Rundgang an“, tröstet Bernd Tappenbeck. Die Kamera im Kurzfilm von Diplom-Grafikdesigner Nikolaus Birk klettert das alte Gemäuer empor und gibt Einblicke in dessen Innenleben.

Man wolle ein Eintauchen in vergangene Lebenswelten ermöglichen, sagt das engagierte Trio: in die jahrhundertealte Geschichte des Turms gleichermaßen wie in die jüngere Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, die die Trümmerschutt-Exponate lebendig halten.

Kurzführungen: Bis zum 16. September immer montags ab 17 Uhr, 17.30 Uhr, 18 Uhr und 18.30 Uhr. Kosten: zwei Euro. www.vikonauten. de

Von Anja Berens

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