Dubiose Einladung lockte Kasseler mit Gewinn - Stattdessen lange Irrfahrt

Kassel. Mehrere Leser haben der HNA eine dubiose Einladung der „Niedersächsischen Treuhand“ zu einer Gewinnausschüttung geschickt. Sollte den Teilnehmern dort zu überteuerten Preisen minderwertige Ware angedreht werden? Wir sind verdeckt unter der Identität eines Eingeladenen mitgefahren, um zu sehen, was passiert.

1052 Euro auf einem Treuhandkonto und ein kostenloses Navi warten auf uns, verspricht die Einladung. Um 8 Uhr sollen wir an der Haltestelle Haroldplatz in Harleshausen abgeholt werden, um zur „Zweigstelle in der Nähe von Kassel“ gebracht zu werden, wo der Scheck übergeben werden soll. Außerdem werden ein kostenloses Frühstück und ein „leckeres Mittagessen“ in Aussicht gestellt.

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Kurz nach 8 Uhr rollt ein Reisebus von Becker Bustouristik aus Sachsen-Anhalt vor. Mein 59 Jahre alter Kollege gibt sich als der Eingeladene aus, ich bin die Nichte. Der Busfahrer notiert die Namen und lässt uns einsteigen. Von Harleshausen geht die Tour bis in die Innenstadt und Bettenhausen, an den weiteren Stopps steigt niemand zu. Schlagermusik beschallt den Bus. „Du bist der Traum meiner schlaflosen Nächte“ trällert eine Schlagerdrossel. Und: „Die Großen lässt man laufen und die Kleinen sperrt man ein / Die Gerechtigkeit, die hat ein Herz aus Stein.“

Navi lockt zum Einstieg

Nach einer Stunde Fahrt steigen fünf ältere Herrschaften an der Leuschnerstraße in Oberzwehren zu. „Ist das die Kaffeefahrt?“, fragt ein älterer Mann. „Ja, das ist die Sonderfahrt“, antwortet der junge, freundlich aussehende Busfahrer mit blondierten, igelig hochgegelten Haaren.

Die Zugestiegenen verteilen sich auf den Bus. „Schön warm hier“, ruft der 70-Jährige von hinten und lacht. „Ich fahre wegen dem Navi mit“, sagt er zu dem älteren Ehepaar auf der Nachbarbank. „Ja, ich brauche auch ein Navi“, entgegnet der andere Herr.

Ahnungsloser Busfahrer

Immer wieder auf der Fahrt telefoniert der Busfahrer mit dem Handy. Offenbar bekommt er Anweisungen, wo er langfahren soll. Es geht nach Melsungen. Dort am Bahnhof will ein weiterer älterer Herr zusteigen. Die dortige Polizei, die über die Einladung zu der dubiosen Fahrt informiert war, ist vor Ort, um Zusteigende zu warnen, worauf sie sich möglicherweise einlassen. Der Mann steigt trotzdem zu. „Studienhalber“, sagt der Senior und lacht.

Die Einladung im Wortlaut.

Die Polizeistreife nimmt auch die Daten des Fahrers und des Busunternehmens auf, um zu erfahren, wo die Reise hingeht. Das wisse er nicht, sagt der junge Mann den Beamten und kurz darauf auch den Fahrgästen. „Ich warte jetzt noch auf einen Anruf, dann weiß ich, ob wir fahren oder nicht“, sagt er per Mikro durch. „Wir sind ein bisschen wenig Leute.“

Nach dem Telefonat wendet er sich erneut an seine sieben Passagiere: „Ich soll sie wieder nach Hause fahren, es lohnt sich nicht.“ Auf die Frage, was sich denn nicht lohne, es gehe doch schließlich um eine Preisübergabe, entgegnet er: „Das weiß ich nicht, ich bin doch nur der Busfahrer.“

Keine Preise, kein Frühstück

„Wanderlager“ nur mit Erlaubnis

Verkaufsveranstaltungen in Form von Kaffeefahrten heißen in der Behördensprache Wanderlager. Sie fallen unter das Reisegewerbe und müssen 14 Tage vorher beim zuständigen Ordnungsamt angemeldet werden. Dabei muss die Einladung zur Veranstaltung vorgelegt werden. Verboten ist es, darin Gewinne zu versprechen. Werden unangemeldete Veranstaltungen bekannt, können sie untersagt werden. Werden Kaffeefahrten-Veranstalter „in flagranti“ beim Verkauf ertappt, droht ein Bußgeld bis 5000 Euro. (rud)

Also Rückfahrt nach Kassel. Die Fahrgäste nehmen das widerspruchslos hin. Kein Frühstück, kein Mittagessen, keine Navis, keine Auszahlung vom Treuhandkonto. Nur der 70-jährige Fahrgast von der Leuschnerstraße schimpft. „Letztes Mal war der Bus drei viertel voll und da sind wir auch nicht gefahren nach einer Polizeikontrolle.“

Er fahre öfter bei ähnlichen Veranstaltungen mit, erzählt uns der Mann. „Ich weiß selbst, dass das nicht immer seriös ist. Aber ich bin Rentner und habe Zeit.“ Er habe bei den Kaffeefahrten auch schon etwas gekauft. Bettbezüge und eine Gesundheitskur zum Trinken. „Aber da gab es einen Massage-Sessel im Wert von 1200 Euro gratis dazu. Und auf den hatte ich es abgesehen.“ Und was hat die Trinkkur gekostet? „900 Euro.“

Von Katja Rudolph

Das sagt der Busunternehmer: Bezahlung vor Ort

Der Auftrag für die Fahrt samt den Haltepunkten, wo Fahrgäste eingeladen werden sollen, sei per Fax gekommen, sagt der Geschäftsführer von Becker Bustouristik aus Hassenhausen im Burgenlandkreis (Sachsen-Anhalt). Wer genau der Auftraggeber sei, wisse er nicht. Vereinbart worden sei, dass der Fahrer unterwegs per Handy erfahre, wo die Tour hingeht. Solche Aufträge nehme er häufiger entgegen. „Solange ich mein Geld bekomme, ist mir egal, für wen ich arbeite.“ Die Bezahlung erfolge normalerweise vor Ort. Er rechne damit, dass er angesichts des Ausfalls der vollen Tour ein anteiliges Honorar per Scheck bekomme. (rud)

Polizei warnt: Vorsicht vor Abzocke bei Kaffeefahrten

Verbraucherberatung und Polizei warnen immer wieder vor sogenannten Kaffeefahrten. Häufig wird eine Gewinnmitteilung als Lockmittel eingesetzt – wie im Fall der Niedersächsischen Treuhand. Verdächtig ist, wenn man einen Gewinn nur verbunden mit einer Tagesfahrt einlösen kann. So sollen Kunden für Verkaufsveranstaltungen geködert werden, auf denen dann minderwertige und völlig überteuerte Produkte oder Reisen angeboten werden. Dabei werden die Teilnehmer von den Verkäufern oft massiv unter Druck gesetzt. Deshalb sollte man mit derartigen Einladungen nur eins tun: wegwerfen und ignorieren.

Infos: Verbraucherzentrale in Kassel, Telefon 05 61 / 77 29 34,

www.verbraucher.de

Kaffeefahrten sind zwar nicht verboten, aber anmeldepflichtig (siehe Hintergrund). Weil die Veranstalter wissen, dass sie bei ihren unseriösen Methoden keine Erlaubnis bekämen, holen sie erst gar keine ein. Wenn etwa falsche Versprechungen gemacht werden, ist das ein Verstoß gegen das Gesetz zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs. Um von Teilnehmern und Behörden nicht belangt werden zu können, teilen die Kaffeefahrt-Veranstalter in der Einladung nicht mit, wo die Veranstaltung stattfindet. Außerdem sind in der Regel weder Telefonnummer noch Adresse auf der Einladung angegeben - lediglich ein Postfach.

Theoretisch hat man - gemäß Paragraf 661a des BGB - bei einer Gewinnzusage auch Anspruch auf den Gewinn. Doch wie soll man dieses Recht durchsetzen, wenn der Veranstalter nicht greifbar ist? Das Gleiche gilt für die Reklamation mangelhafter Ware.

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