Oberbürgermeister Christian Geselle macht Kasselern Mut

Neujahrsansprache von Kassels Oberbürgermeister: Corona und Ahle Worscht

Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle bei seiner digitalen Neujahrsrede vor einem Zitat von Walther Rathenau.
+
Fast schon staatsmännisch: Oberbürgermeister Christian Geselle vor einem Zitat von Walther Rathenau.

Wegen Corona hat Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle seine Neujahrsansprache erstmals digital im Netz gehalten. Er macht den Menschen Mut, aber auch ein Ahle-Worscht-Brötchen spielt eine Rolle.

Kassel – Normalerweise ist der Neujahrsempfang der Stadt Kassel ein gesellschaftliches Ereignis. 2000 Menschen kommen ins Rathaus; im Mittelpunkt steht die Neujahrsansprache des Oberbürgermeisters. Wegen Corona musste der für vorigen Samstag geplante Empfang abgesagt werden, die Rede von Christian Geselle gibt es trotzdem – digital. Wir haben uns das 14-minütige Video auf der Internetseite der Stadt angesehen.

Was steht im Mittelpunkt der Rede?

Wie sollte es anders sein: Corona. Geselle spricht von einem „Jahr voller Schwermut“, in dem jeder gefordert gewesen sei, Disziplin und Willen zu zeigen. Der SPD-Politiker bedankt sich bei allen, die die Gesellschaft am Leben erhalten. Immer wieder kommt er auf die Pandemie und die Folgen zu sprechen. In dem Zusammenhang klopft er sich ein bisschen selbst auf die Schulter: Die Modernisierung der Gesundheit Nordhessen Holding sei rechtzeitig auf den Weg gebracht worden, das städtische Programm „Kopf hoch, Kassel!“ helfe der örtlichen Wirtschaft und Gesellschaft, und als smarte Stadt habe Kassel die Digitalisierung nicht verschlafen. Über andere wichtige Themen der Lokalpolitik wie die erfolglose Suche nach einem Standort für das documenta-Institut verliert Geselle kein Wort.

Was fehlt?

Eine Neuigkeit, mit der er seine Zuhörer überraschen könnte, und auch eine Vision für die verbleibenden zweieinhalb Jahre seiner Amtszeit.

Welchen Eindruck macht Geselle?

Einen sehr ernsten, ja fast staatsmännischen: dunkler Anzug, dunkle Krawatte – als wolle er den Ernst der Lage damit unterstreichen. Zugleich präsentiert er sich als einer von uns. Der 44-Jährige erwähnt seine Frau, die „als Krankenschwester für Intensivpflege in einem Krankenhaus arbeitet“. Dies soll zeigen, dass er die harten Schicksale hinter den nackten Corona-Zahlen kennt. Und als Vater wisse er, was geschlossene Kitas und Homeschooling für Familien bedeuten. Geselle, so die Botschaft, kennt die Sorgen der Menschen, und beschwört so in der Krise den Gemeinsinn.

Macht seine Rede auch Hoffnung?

Ja, zumindest zitiert Geselle gegen Ende niemand Geringeren als den Heiligen Franz von Assisi, der einst sagte: „Ein Sonnenstrahl reicht hin, um viel Dunkel zu erhellen.“ Danach wird seine Rede sehr bildhaft. Die Impfung bringe „uns Morgenröte ins Dunkel dieser Zeit“. Es lohne sich, „jeden noch so langen Weg zu gehen, wenn nötig durch Regen und Sturm“. Früher standen solche Zeilen in Poesiealben.

Wer tritt noch auf?

Diese Neujahrsansprache ist in der Form nur in Teilen zu Vergleichen mit einer klassischen Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin, die am Tisch sitzt, neben ihr die Deutschlandfahne. Geselle steht, hinter ihm ist das Rathaus eingeblendet. Vor allem aber ist seine Rede eingebettet in ein Video, das mehr zeigt.

Da ist zum einen Gerrit Bamberger. Der Comedian und ehemalige Betreiber des Varietés Palais Hopp hat in den vorigen Jahren in Filmchen immer Kassels Baumeister vorgestellt. Diese verdienten Einwohner der Stadt wurden anschließend im Rathaus ausgezeichnet. Diesmal taucht Bamberger zu Beginn des Videos im Stadtverordnetensaal auf und muss feststellen, dass niemand da ist. Er schaut sich dann Geselles Rede im Fernsehen an und fragt, als er den Oberbürgermeister sieht: „Hat der zugenommen?“ Anschließend beißt er in ein Ahle-Worscht-Brötchen. Ein bisschen Spaß muss auch in ernsten Zeiten sein.

Wer ist noch zu sehen?

Das Blasorchester des TSV 1891 Oberzwehren spielt am Ende „You’ll Never Walk Alone“, die Durchhalte-Hymne schlechthin. Es ist nicht das erste digitale Konzert der Musiker. Abteilungsleiter Przemyslaw Staszak hat im vorigen Jahr schon mehrere einzelne Auftritte seiner Schützlinge zu Youtube-Videos zusammengeschnitten. Man bekommt zwar keine Gänsehaut wie an der Anfield Road, wo die Fans des FC Liverpool das Lied legendär gemacht haben, aber es ist ein toller Abschluss.

Wie lautet das Fazit?

Geselle weiß, dass es bessere Rhetoriker gibt als ihn. Auch diese Rede ist kein Meilenstein. Trotzdem ist die erste digitale Kasseler Neujahrsansprache, die bei Youtube bis gestern Abend knapp 400 Mal abgerufen wurde, gelungen und kurzweilig. Vielleicht trägt sie dazu bei, dass die Kasseler „jeden noch so langen Weg“ gemeinsam gehen. (Florian Hagemann und Matthias Lohr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.