Das Projekt Famos bietet Fahrradkurse für muslimische Frauen in Rothenditmold

Sie durften nicht aufs Rad

Ganz schön wacklig: Nishan Negassi bei ihren ersten Fahrradfahr-Stunden. Birte Hahne läuft sichernd daneben. Das Foto entstand im Sommer. Foto: Privat/nh

Kassel. „Am Anfang hat alles weh getan“, erinnert sich Nishan Negassi (46) an ihre ersten Stunden auf dem Fahrrad. „Es war sehr anstrengend, sich auf alles gleichzeitig zu konzentrieren.“ Die Eritreerin ist eine von sieben muslimischen Frauen, die dank des Projekts Famos (Familien ohne Sorgen) im Stadtteil Rothenditmold Fahrradfahren lernen können.

„Ich wollte immer Fahrrad fahren lernen“, sagt Adis Sirkallem. Die 42-Jährige Eritreerin kommt wie Nishan Negassi aus einem Land, in dem es für Frauen nicht selbstverständlich sei, als Kind Fahrradfahren zu lernen. Deshalb habe sie im Stadtteiltreffpunkt am Rothenberg nachgefragt, ob ein Fahrradkurs für muslimische Frauen angeboten werden könne. Damit gab sie den Anstoß für das Projekt. Ein ähnliches Angebot gibt es bereits im Stadtteil Niederzwehren.

„Mir war zu Beginn nicht klar, wie viele Frauen keinen Zugang dazu haben“, sagt Birte Hahne (52), die den Kurs ehrenamtlich leitet. Adis Sirkallem lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Die 42-Jährige habe immer zuerst an ihre Kinder gedacht: „Was mir als Kind verboten wurde, wollte ich meinen Kindern ermöglichen“, erzählt die Eritreerin. Jetzt sei sie selbst an der Reihe, damit sie zusammen mit ihren Kindern aufs Rad steigen kann. „Ich möchte auch andere muslimische Frauen dazu motivieren, mitzumachen.“

Es gebe verschiedene Gründe, warum es in muslimischen Ländern nicht selbstverständlich für Frauen sei, Radfahren zu lernen: „Die meisten Frauen tragen lange Kleider, damit nicht zuviel Haut gezeigt wird“, sagt Adis Sirkallem. Damit sei es schwierig Fahrrad zu fahren, außerdem könnten die Kleider hochrutschen. Hinzu komme der Glaube, dass durch das Fahrradfahren die Jungfräulichkeit gefährdet sein könnte, die bei einer streng muslimischen Heirat gegeben sein muss.

Auch Kanija Tamirat, die in Äthiopien aufgewachsen ist, habe als Kind nicht Fahrradfahren dürfen: „Für meine Mutter war es eine Katastrophe, sich als Frau so zu bewegen.“ Für die Frauen sei das ein Stück Selbstständigkeit, sagt Adis Sirkallem. „Sie können allein mit dem Fahrrad einkaufen fahren und müssen nicht warten bis ihr Mann von der Arbeit heimkommt.“

Im Frühjahr wollen sich die Frauen wieder aufs Rad schwingen. Dafür suchen sie zum einen noch Frauen, die auch Fahrradfahren lernen wollen. Zum anderen werden Freiwillige gesucht, die Lust haben die Frauen beim Lernen zu unterstützen.

Kontakt: Ylva von Löhneysen, Tel.: 0561/ 10 24 25, E-Mail: yvl@freiwilligenzentrumkassel.de, www.famos-kassel.de

Von Miriam Linke

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