Helmut Becker baut Nobelverstärker in Bettenhausen – Seine Geräte gehen um die Welt

Edler Klang aus der Röhre

Er lötet für den guten Ton: Helmut Becker hat mit seiner veredelten Röhrentechnik für Verstärker im Ausland ein Geschäftsfeld entdeckt. Rechts im Vordergrund die Röhre aus einer MiG 2, einem russischen Überschallflugzeug. Fotos: Naumann

Kassel. Am Umbachsweg gleich hinter der Jakobuskirche ist das digitale Zeitalter noch nicht angebrochen. Wird es auch nicht. Dafür sorgen schon Helmut Becker – und seine große Passion für analoge Röhrentechnik in der Musikwiedergabe.

Der 54-Jährige baut die gläsernen Tuben, eigentlich Relikte aus den 1950er- und 1960er-Jahren, in Edelverstärker ein, er entwickelt, er misst, er lötet jeden Tag – und er hört. High Fidelity, sprich „hohe Klang-Treue“, kurz HiFi genannt, ist sein Ding, schon seit 1982.

Aber er arbeitet eher im Stillen, er macht keine Werbung, und dennoch ist der Name „AudioValve“ bei HiFi-Anhängern ein Begriff – vor allem in Asien. In Deutschland hat er keinen einzigen Kunden. „Veredelte Röhren-Technik will hier keiner mehr bezahlen“, sagt Becker.

Und so gehen seine Geräte aus Bettenhausen eben hinaus in die Welt. 40 000 Euro kosten beispielsweise zwei Mono-Verstärker-Endstufen aus eigener Fertigung. Eben hat er eine Lieferung für Singapur fertig gemacht, fünf große Kartons stehen im Flur, Marktwert 200 000 Euro.

„Man kann sich nicht vorstellen, was es für reiche Leute gibt.“

Helmut Becker

„Man kann sich nicht vorstellen, was es für reiche Leute gibt“, sagt Becker. Er selbst sieht nur einen Bruchteil von dem Geld, den Löwenanteil verdienen die Händler an seinen Geräten. Immerhin: Seine Familie kann davon gut leben.

Aber eigentlich ist Geld zweitrangig. Helmut Becker geht es um die Technik, die Physik, um die Idee, „aus der Röhre das Beste herauszuholen, was aus ihr rauszuholen ist“, sagt er. Er sieht sich weder als Freak noch als Bastler. „Ich bin Schaltungsdesigner“, sagt er. Als junger Mann war er zunächst Radio- und Fernsehtechniker, dann brachte er viele Jahre in der Medizintechnik zu – bis er schließlich auf die Röhre kam.

Neun Patent-Urkunden hängen an der Wand neben seinem Büro. Seine Erfindungen machten die Röhre in der Verstärkertechnik weiterhin interessant. „Röhren verbrauchen sich wie Glühbirnen“, erklärt er, „sie verändern den Klang der Musik im Laufe der Zeit. Und damit das nicht passiert, gibt es Regelmechanismen, die man kennen muss.“ Das alles habe nichts mit Religion zu tun. „Klang ist Physik, deshalb kann man ihn bauen.“

Seine Neigung fürs Unkonventionelle prägt seinen ganzen Arbeitsalltag. Eine Hand voll Mitarbeiter teilt mit ihm seine Passion. So baut er sogar Röhren aus ausgemusterten russischen Kampfjets in seine Verstärker. Seine ganze Werkstatt ist Spiegel umtriebiger Kreativität. Seine HiFi-Boliden stehen überall herum, fertige, halb fertige, umstellt von Lötkolben, Werkzeugen, Messgeräten, Einzelteilen. „Alles ist authentisch“, sagt er.

Warum aber hat er noch keinen Vertrieb für Deutschland aufgebaut? Nein, das sei einfach nicht sein Thema, sagt Becker. Dann zieht er seine Jacke an und bringt die Singapur-Lieferung zur Post.

Von Boris Naumann

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