Geschichtslehrer der SPD

Egon Bahr, Kopf von Willy Brandts Ostpolitik, war zu Gast in Kassel

Erhielt viel Applaus: Egon Bahr sprach über die Ostpolitik der SPD, Verhandlungen im Kalten Krieg und erzählte Anekdoten von seinen Treffen mit den Mächtigen in Moskau. Foto: Fischer

Kassel. „Jahresempfang der Kasseler SPD“ stand auf der Einladung, 150 Jahre Sozialdemokratie sollten gefeiert werden. Es wurde am Sonntag Geschichtsunterricht für 350 Gäste - und der Lehrer war einer, der Geschichte mitgeschrieben hat: Egon Bahr.

Bahr gilt als Kopf der Ostpolitik nach der Regierungsübernahme Willy Brandts 1969. Eigentlich hatte diese Ostpolitik schon früher begonnen, nur hatte das niemand bemerkt: „Wenn uns keiner hilft, diese scheiß Mauer wegzukriegen, dann versuchen wir, sie wenigstens durchlässig zu machen“, berichtete Bahr vom Plan zu Beginn der 1960er-Jahre. Damals war er Sprecher des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Willy Brandt. „Wir wussten nicht, dass die Passierscheine der Anfang einer Ost- und Außenpolitik sind, die dazu führt, dass die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges 1990 einen Friedensvertrag mit den Deutschen schließen“.

Wandel durch Annäherung

90 Jahre ist der SPD-Politiker alt. Beim Empfang in der Lobby des Eon-Mitte-Gebäudes saß er allein auf der Bühne und sprach ohne Manuskript. Er hat unsere Welt vielleicht stärker mitgestaltet als Politiker heutiger Generation überhaupt gestalten können. Bahr hat mit den Mächtigen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs verhandelt. Er habe mit ihnen über Interessen gesprochen, berichtet der einstige Unterhändler, „wir haben nicht versucht, Kommunisten zu Demokraten zu bekehren“. Handlungsleitend sei die Maxime gewesen, es dürfe keine Gewalt geben.

„Wandel durch Annäherung“ und „Politik der kleinen Schritte“, sind Prinzipien, als deren Vordenker Bahr gilt. Als Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph im Mai 1970 in Kassel versuchten, sich einander anzunähern, war Bahr übrigens nicht dabei: Er verhandelte zu der Zeit in Moskau.

Wie Helmut Schmidt ist Egon Bahr einer der Säulenheiligen der SPD. Die alten Männer dürfen auch Sätze sagen, die ihren Nachfolgern nicht über die Lippen kommen: US-Präsident Obama müsse sich mit Russlands Staatschef Putin endlich auf die Stationierung des geplanten Raketenschildes in Polen und Tschechien einigen, „sonst kommt eine neue Rüstungswelle“.

Und auch zum Zustand der EU fand Bahr klare Worte: „Solange England in der EU ist, wird es keine Fortschritte in Europa geben. Jede britische Regierung hat versucht zu bremsen - das habe ich Willy Brandt leider zu spät erklärt.“ Großbritannien solle zwar im gemeinsamen Markt bleiben, „aber nicht mehr in der Lage sein, Europa zu behindern“.

Fotos vom Jahresempfang der SPD mit Egon Bahr

SPD-Urgestein Egon Bahr zu Gast in Kassel

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