Hilfe für Migranten bei Behördengängen und Arztbesuchen

Kasselerin mit syrischen Wurzeln übersetzt ehrenamtlich für Flüchtlinge

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Sie wollen Eili (vorne links) beim Einleben helfen: Jima Altan (links stehend), Claudia Semmler, Eilis Eltern Aziza Lweis und Nader Galaa mit Josef (acht Monate). Vorne Kerstin Sinning.

Kassel. „Ohne Frau Altan ginge hier gar nichts.“ Claudia Semmler von der interdisziplinären Frühberatungsstelle für Kinder mit Sehbehinderung oder Blindheit ist froh, dass sie auf die ehrenamtliche Hilfe der Kasseler Übersetzerin mit syrischen Wurzeln, Jima Altan, zurückgreifen kann.

Wie sonst hätte sie mit Eili, dem blinden Flüchtlingsjungen, Kontakt aufnehmen, mit ihm kommunizieren können?

Das Stimmengewirr um ihn herum scheint Eili (5) kaum zu beeindrucken. Er hält ein Mobiltelefon an sein Ohr, lauscht und lacht – ganz in seine Welt versunken – den Klängen arabischer Popmusik. „Die Pause hat sich Eili jetzt verdient“, sagt Claudia Semmler und wendet sich den Eltern des Jungen, Aziza Lweis (35) und Nader Galaa (47) zu. Es sind syrische Flüchtlinge, die erst vor wenigen Monaten in Kassel angekommen sind. Aus ihrer zerstörten Heimatregion Homs mussten sie fliehen, weil dort ein todbringender Bürgerkrieg tobt. Jetzt haben sie in Deutschland für drei Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung und Asyl.

Eili hat in der Einrichtung des LWV gerade einen anstrengenden Test hinter sich gebracht. Mittels Spielen und Aufgaben wurde getestet, welche Förderung und Hilfe er benötigt und wie er mit seiner angeborenen Erblindung umgeht. Für Eili soll ein Kindergartenplatz gesucht werden.

„Welches Klötzchen ist dreieckig? Welches viereckig, welches rund?“ Eili weiß dies wohl zu beantworten. Aber ihre Fragen konnte Claudia Semmler nur mit Hilfe von Jima Altan stellen, die das Gespräch ins Arabische und umgekehrt ins Deutsche übersetzte. Die Gelegenheit, eine Übersetzerin vor Ort zu haben, nutzte auch Kerstin Sinning vom Sozialpädiatrischen Zentrum im Klinikum. Die Heilpädagogin befasst sich mit der Diagnostik von Eilis Behinderung und nahm den Termin in den Räumen der Frühberatungsstelle dankbar wahr. Das ersparte nicht nur Eili einen weiteren Termin, sondern auch Übersetzerin Altan. Obwohl Eilis Vater, ein Anstreicher und Möbelrestaurator, etwas Englisch spricht und schon ein paar Wörter Deutsch gelernt hat, ist Jima Altans Hilfe unersetzlich. „Ich brauche sie, um arbeiten zu können“, sagt Semmler. Nicht nur, aber vor allem bei Behördengängen steht Jima Altan arabischsprachigen Flüchtlingen zur Seite. Als Mutter von drei „nicht mehr ganz so jungen Kindern“ könne sie das mit ihrer Tätigkeit als Schulassistentin vereinbaren, sagt sie. Bevor sie 1990 selber aus Syrien geflohen war, hatte sie als Mathe- und Chemielehrerin gearbeitet. Seit 24 Jahren lebt sie mit ihrem Mann in Kassel.

Einen Übersetzer müssen sich die Flüchtlinge selber besorgen, Geld gibt es dafür nicht. Meistens spreche sich rum, wer übersetzen kann. So seien auch Eilis Eltern auf sie gestoßen. Offiziell organisiert ist ein Übersetzerdienst nicht.

Für Altan ist das Ehrenamt eine „Selbstverständlichkeit. „In unserer Kultur ist es wichtig zu helfen.“ Ungefähr 100 Familien habe sie schon bei Behördengängen, Arztbesuchen und anderem begleitet. Ein Landsmann aus Kassel, George Youssef, sei schon tausend Mal im Einsatz gewesen, sagt sie. Doch Youssef hat jetzt eine Arbeitsstelle bei einer Spedition. Das bedeutet, dass er in Zukunft dafür kaum mehr Zeit haben wird.

Wer für Übersetzungen zur Verfügung steht, kann sich melden unter: chr@hna.de

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