Viele Kasseler wünschen sich Gedenkstätte

Ein Ehrengrab für Widerstandskämpferin Nora Platiel

Nora Platiel in den 1950er-Jahren. Foto: privat/nh

Kassel. Ein Ehrengrab für Nora Platiel und ihren Ehemann Hermann Platiel – das wünschen sich inzwischen viele Menschen in Kassel, allen voran der Verein „Stolpersteine in Kassel“.

Auch der Großneffe der Juristin und Widerstandskämpferin Nora Platiel (1896 – 1979), Dr. Thomas Nowotny aus Rosenheim, unterstützt den Antrag der Kasseler Friedhofsverwaltung an die Stadt, für das Ehepaar Platiel ein Ehrengrab einzurichten, „ausdrücklich“.

Nach Nora Platiel (1896-1979) ist in Kassel eine Straße auf dem Uni-Campus benannt. Auch in Lohfelden gibt es eine Nora-Platiel-Straße. Sie gehörte ebenso wie ihr Mann Hermann (1886-1980) zu den politischen Widerstandskämpfern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK).

Lexikonwissen: Nora Platiel im Regiowiki

Nach Abschluss ihres Studiums war die gebürtige Bochumerin nach Kassel gekommen, um hier ihr Referendariat bei Rechtsanwalt Erich Lewinski, der ebenfalls zum ISK gehörte, zu absolvieren. „Durch ihre Arbeit bei Gericht geriet sie Ende der 20er-Jahre erstmalig in Konflikte mit Roland Freisler, der als juristischer Vertreter von NSDAP-Mitgliedern in Kassel bei politischen Prozessen als ihr Antipode auftrat“, schreibt Sabine Hering in „Neue Deutsch Biographie“. 1933 floh die Jüdin Platiel vor der Verfolgung der Gestapo nach Frankreich und von dort, wo sie auch inhaftiert war, 1943 in die Schweiz. Der im Exil geborene Sohn Nora Platiels, Roger, starb 1978 in Paris.

1949 kehrte Nora Platiel auf Betreiben von Georg August Zinn und Lewinski nach Deutschland zurück. Sie nahm in Kassel die Stelle einer Landgerichtsrätin, 1951 die einer Landgerichtsdirektorin an. „Ihre politischen Ziele, die sie nun als Mitglied der SPD, 1954-72 auch als Landtagsabgeordnete in Wiesbaden, umzusetzen versuchte, galten der Verständigung mit Israel, der Förderung von Kunst und Wissenschaft und der Erziehung der Jugend zu demokratischem Verhalten, politischem Bewusstsein und Kritikfähigkeit.“ Nora, eine Abkürzung von Eleonore, war unter anderem lange Vorsitzende des Kasseler Kunstvereins, Hermann Platiel Leiter der Kasseler Volksbühne. Beide gehörten zum Freundeskreis von Arnold Bode und unterstützen aktiv die erste documenta.

„Ihr gebührt eine ähnliche Würdigung wie Elisabeth Selbert.“

Auslöser für den Ehrengrab- Antrag war die Tatsache, dass Ende vergangenes Jahr der Dauerpflegeauftrag für das Platiel-Grab auf dem Hauptfriedhof auslief. Die bescheidene Grabstätte sei so gut wie vergessen gewesen, sagt Friedhofschef Jürgen Rehs: „Nur der ungewöhnliche Name hat mich aufmerksam gemacht.“

Unterstützung bekommt er von Dr. Gilla Dölle vom Kasseler Archiv der deutschen Frauenbewegung: „Wir finden, eine Würdigung Nora Platiels in Form eines Ehrengrabs würde der Stadt gut zu Gesichte stehen.“ Es sei bedauerlich, dass ihr Name zuletzt kaum mehr präsent war. „Ihr gebührt eine ähnliche Würdigung wie Elisabeth Selbert.“

Das Grab der Platiels, so Rehs, ist noch vorhanden. Jetzt müssen die Stadtverordneten darüber entscheiden, ob es in die Reihe der heute 65 Ehrengräber auf Kasseler Friedhöfen aufgenommen werden soll.

Von Christina Hein

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