20 Euro in jedem Portemonnaie

Ehrlichkeit auf Prüfstand: HNA verlor mit Absicht drei Geldbörsen im Stadtgebiet

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Ehrliche Finder: Andreas Spaeth und Katharina Ebert aus Schauenburg bestanden unseren Ehrlichkeitstest. Sie gaben das Portemonnaie zurück, das wir an der Rathaustreppe absichtlich verloren hatten.

Kassel. Wie ehrlich sind die Menschen? Um das herauszufinden, haben wir drei Portemonnaies mit jeweils über 20 Euro an drei Orten in Kassel absichtlich verloren. Im Inneren der Geldbörsen war klein auch eine Telefonnummer angegeben. Das Ergebnis fiel überraschend aus.

Absichtlich etwas in in der Öffentlichkeit zu verlieren, ist gar nicht so einfach. Zumal wenn niemand merken soll, dass dies ganz bewusst geschieht. Für unseren Test wählten wir drei verschiedene Orte in Kassel aus: Eine Bank im Auepark, die Rathaustreppe und eine Straßenbahn der Linie 3. Die präparierten Portemonnaies waren jeweils mit 20 Euro, etwas Kleingeld, Kassenzetteln und Bonuskarten gefüllt. Den Verlust von Ausweisen oder Bankkarten wollten wir nicht riskieren. Zudem war in jeder Geldbörse klein eine Telefonnummer notiert. Der Ablauf war immer ähnlich. Ein HNA-Kollege deponierte das Portemonnaie und verschwand, ein anderer beobachtete aus sicherer Entfernung den Ort.

Karlsaue: Ehrliche Finder 

In der Karlsaue ließen wir gegen 11.45 Uhr eine Damengeldbörse auf einer Parkbank liegen. Aus einiger Entfernung beobachtete ein Komplize, was nun geschah: Nach wenigen Minuten kam die erste Joggerin vorbei, beachtete das Portemonnaie aber nicht. Kurz darauf folgte ein Paar mit Hund. Wie sich später herausstellen sollte, waren es Christine Just und Sebastian Rabe aus dem thüringischen Marlishausen, die für einen Kurzurlaub in Kassel waren. Sofort sah die Frau das Portemonnaie und nahm es an sich. Sie schaute hinein und kurz darauf zückte Sebastian Rabe sein Handy, um die in der Geldbörse notierte Nummer anzurufen. Beide waren überrascht, als sie vom Test der Zeitung erfuhren. „Wir haben selbst mal ein Portemonnaie in Erfurt verloren und waren froh, als es uns wiedergebracht wurde“, sagt Just. Alle ehrlichen Finder durften die 20 Euro als Dank behalten.

Rathaustreppe Sofort gemeldet  

Auf der Rathaustreppe sollte es sich als schwierig herausstellen, ein Portemonnaie zu verlieren. Denn dafür braucht es einen unbeobachteten Moment. Um 12.30 Uhr lag die Geldbörse schließlich herrenlos vor dem Rathaus. Die ersten Besucher beachteten sie nicht. Nach vier Minuten war es aber so weit. Wieder war es ein Paar – diesmal Andreas Spaeth und Katharina Ebert aus Schauenburg – das das braune Lederetui erspähte. Und wieder war es die Frau, die aufmerksam war. Sofort griff er zum Handy und wählte die Nummer, die er im Innen der Börse fand. Als sie vom HNA-Test erfuhren, war die Überraschung groß. „Wir hatten wegen der Nummer im Portemonnaie gedacht, der Besitzer verliert das bestimmt häufiger“, sagt Katharina Ebert. Sie habe nicht einen Moment überlegt, es zu behalten: „Man ist ja selbst froh, wenn einem so etwas nicht passiert.“

Straßenbahn: Verschwunden  

Am frühen Nachmittag ging es mit der Straßenbahnlinie 3 vom Rathaus in Richtung Druseltal. In der vollen Bahn brauchte es eine Weile, bis eine unbeobachtete Sitzreihe - jene direkt hinter dem Fahrer - gefunden war. Als das Portemonnaie platziert war, ging es wieder in den hinteren Teil der Bahn. Noch zwei, drei Haltestellen beobachteten wir die Sitzreihe, ohne dass sich dort ein Fahrgast niederließ. Danach überließen wir die schwarze Geldbörse samt 20 Euro ihrem Schicksal. Doch diesmal sollte sich kein Finder melden. Nachdem 24 Stunden lang kein Anruf kam, fragten wir bei der KVG nach. Von der dortigen Pressestelle hieß es, dass im Fundbüro der Verkehrsgesellschaft kein schwarzes Portemonnaie in der betreffenden Bahn aufgefunden wurde. Am Ende des kleinen Tests waren zwei ehrliche Finder bei drei „Verlusten“ aber dennoch ein guter Schnitt.

Von Bastian Ludwig

 

So viele Stücke landen im Kasseler Fundbüro

Das städtische Fundbüro an der Kurt-Schumacher-Straße 29-30 platzt regelmäßig aus allen Nähten. Wir fragten nach, was dort jährlich landet. Hier das beeindruckende Ergebnis.

8000 Gegenstände – vom Plüschtier bis zur Rolex – bringen ehrliche Finder jedes Jahr ins städtische Fundbüro. In schlechten Jahren seien es auch mal nur 7000 Teile, sagt Lothar Pflüger, Abteilungsleiter des Büros. Bei 30 Prozent der Stücke meldet sich der Besitzer.

2500 Verlustanzeigen geben die Kasseler jedes Jahr auf.

1300 Schlüssel  und Autoschlüssel landen pro Jahr im Fundbüro. Rund ein Drittel davon geht zurück an die Besitzer. Autoschlüssel werden häufiger abgeholt, weil es teuer ist, diese nachmachen zu lassen.

850 Handys und Smartphones werden jedes Jahr im Fundbüro abgegeben. Nur 150 werden von den rechtmäßigen Eigentümern wieder abgeholt.

550 Geldbörsen nehmen die Mitarbeiter des Fundbüro in einem Jahr entgegen. Geld ist aber meistens nicht mehr drin. 98 Prozent werden an die Eigentümer wieder zurückgegeben.

150 Fahrräder sind jährlich unter den Fundstücken. Überraschend: Nur fünf dieser Räder werden von ihren Eigentümern wieder abgeholt. Neben diesen 150 Rädern gibt es auch Räder, die als gestohlen gemeldet wurden, diese werden nach Rücksprache an die Polizei abgegeben.

6 Monate werden Fundstücke aufbewahrt, bevor sie entweder versteigert oder gespendet werden..

5 Prozent beträgt der gesetzliche Finderlohn bei Gegenständen im Wert von bis zu 500 Euro. Der Betrag, der über 500 Euro hinaus geht, wird mit drei Prozent Finderlohn honoriert. Der Finderlohn ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) geregelt und kann eingeklagt werden, sagt Lothar Pflüger, Abteilungsleiter des Fundbüros. (bal)

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