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Für Familie aus der Ukraine ist eigene Wohnung ist das schönste Geschenk

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Von: Katja Rudolph

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Angekommen: Ende Februar ist Eugenia Belohai (links) mit ihren Töchtern Sofie-Nicole und Amy-Michelle und ihrer Mutter Tetiana aus der Ukraine geflohen.
Angekommen: Ende Februar ist Eugenia Belohai (links) mit ihren Töchtern Sofie-Nicole und Amy-Michelle und ihrer Mutter Tetiana aus der Ukraine geflohen. © Katja Rudolph

Der Krieg in der Ukraine hat auch die Region geprägt. Einige Geflüchtete fühlen sich längst heimisch in Kassel. Ein Helfer schildert, dass es in der Ukraine viel zu tun gibt.

Kassel – Sie gehörten Anfang März zu den ersten Geflüchteten aus der Ukraine, die in Kassels Gemeinschaftsunterkünften ankamen. Als wir Eugenia Belohai mit ihren beiden Töchtern, ihrer Mutter und Pudel Max damals trafen, war ihr größer Wunsch, so bald wie möglich in die Heimat zurückzukehren. Inzwischen sagt die 36-Jährige: „Ich denke, wir bleiben hier.“

Anfangs hoffte die Familie, die aus Mukatschewo in der Westukraine kommt, der Krieg dauere nur ein paar Wochen und dann könne man zurückkehren. Daraus wurden Monate. Und bis heute ist Frieden nicht in Sicht. Inzwischen haben Sofie-Nicole (11) und Amy-Michelle (9) neue Freundinnen gefunden. Sie besuchen die Integrationsklasse der Valentin-Traudt-Schule in Rothenditmold. Dort wohnt die Familie seit knapp zehn Monaten in einem kleinen Apartment mit zwei Hochbetten in einer Flüchtlingsunterkunft.

Als wir die Ukrainerinnen dort im März erstmals trafen, klappte die Verständigung einigermaßen mit Hilfe einer Übersetzungsapp auf dem Handy. Inzwischen spricht Eugenia Belohai, die in der Ukraine in der Krankenhausverwaltung gearbeitet hat, flüssig Deutsch. In der Sprachschule gehört sie zu den besten im Kurs, erzählt sie. Ihrer Mutter Tetiana fällt es nicht so leicht, die neue Sprache zu lernen. Die Kinder sind noch schüchtern auf Deutsch, aber verstehen alles. Sofie-Nicole hatte wenige Tage nach der Flucht nach Deutschland Geburtstag. Im HNA-Artikel erwähnten wir damals ihren Herzenswunsch nach einem Fahrrad. Zig Räder wurden von Menschen aus Kassel gespendet, ein besonders schickes davon gehört seither Nicole.

Damit fährt sie nun jede Woche zum Karate-Training, das sie hier wieder aufgenommen hat – mit großem Talent. Gelber und oranger Gürtel stammen schon aus Kassel.

Auch ihre Schwester Amy-Michelle fühlt sich längst wohl in Kassel. Ihre geliebte Puppenfamilie, die bei der überstürzten Flucht zuhause bleiben musste, hat sie größtenteils wieder um sich. Ihr Großonkel hat die Puppen mitgebracht. Er ist inzwischen auch mit seinem Sohn nach Kassel gekommen. Vom Vater der Kinder, der schon vor dem Krieg in Deutschland arbeitete, hat Eugenia Belohai sich inzwischen getrennt. Er habe sie nicht unterstützt, sagt die 36-Jährige.

Kurz vor Weihnachten hatte sie nach monatelanger vergeblicher Suche aber endlich eine eigene Wohnung in Aussicht – für sich und ihre Töchter. Etwas Geeignetes für vier Personen war nicht zu finden. Oma Tetiana (57), die Hebamme und Krankenschwester ist, sucht noch ein kleines Apartment. Weil die beruflichen Qualifikationen der Ukrainerinnen noch nicht anerkannt sind, arbeiten sie bislang nicht. Mit dem Arbeitslosengeld, auf das Geflüchtete aus der Ukraine Anspruch haben, komme sie zurecht, sagt Eugenia Belohai. „Es reicht zum Leben.“ Urlaube und große Wünsche seien aber natürlich nicht drin.

Sorge macht ihr, wie sie die leere Wohnung mit Möbeln ausstatten soll. Das rattert seit Wochen im Kopf der zweifachen Mutter. Seit Krieg und Flucht muss sie immer neue Herausforderungen bewältigen. Vor allem von der Bürokratie fühle sie sich oft überfordert, sagt die Ukrainerin. Zum Glück bekomme man viel Hilfe, etwa von der Caritas und den Betreibern des Flüchtlingsheims. Die gehen sogar mit Pudel Max Gassi.

In die Ukraine zu fahren, komme derzeit nicht in Frage, auch nicht für einen Besuch, sagt die 36-Jährige. „Es ist zu gefährlich.“ Aus dem Freundes- und Familienkreis, mit dem sie per Handy in Kontakt steht, sei zum Glück noch niemand gestorben. Aber viele in der Heimat litten unter der Zerstörung und dem Ausfall der Energie- und Wasserversorgung, erzählt sie. Selbst wenn es eines Tages Frieden gibt, Eugenia Belohai und ihre Familie werden wohl nicht zurückkehren. „Ich habe nicht die Kraft für noch einen Anfang.“ Aber sie glaube fest daran, dass ihr Land den Krieg gewinnen werde. „Die ukrainischen Leute sind sehr stark.“ (Katja Rudolph)

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