Ein Traum aus Tüll und Seide

Ein Brautkleid für die Tochter: Zwei Freundinnen starten Herzensprojekt im Corona-Lockdown

Ein Traum aus Softtüll und Seidenduchesse: Eva Maria Frey (rechts) hat ihn für Tochter Pauline mit ihrer Freundin Hilke Gerke (links) genäht. Hingucker des Brautkleides sind zarte Blüten, die über eine Schulter ranken.
+
Ein Traum aus Softtüll und Seidenduchesse: Eva Maria Frey (rechts) hat ihn für Tochter Pauline mit ihrer Freundin Hilke Gerke (links) genäht. Hingucker des Brautkleides sind zarte Blüten, die über eine Schulter ranken.

Eine Mutter näht mit ihrer schwerkranken Freundin während des Corona-Lockdowns das Hochzeitskleid für ihre Tochter. Drin stecken „Liebe zum Detail und zur Tochter“.

Kassel - Die Arbeitsstunden: kaum zählbar. Die vielen Meter Stoff: bezifferbar. Die Liebe, die drinsteckt: lässt sich ermessen. Im Corona-Lockdown haben zwei Freundinnen ein besonderes Herzensprojekt gestartet. Sie haben ein Brautkleid genäht.

Und heute heißt es dann endlich: einfach nur freuen. Denn diesen Samstag heiratet Pauline Frey (26) in einem Kleid, das ihre Mutter Eva Maria Frey (58) aus Kassel selbst entworfen und gefertigt hat. Die Juristin und Künstlerin hatte fachlich versierte Unterstützung und verwirklichte den Traum aus Tüll und Seide mit ihrer Freundin Hilke Gerke (78).

Die Kasselerin ist vom Fach, sie hat Modedesign von der Pike auf gelernt. Fachfremd ist jedoch die Brautmutter nicht, die vor dem Jurastudium eine Ausbildung zur Maßschneiderin in Gerkes Atelier machte. „Hilke war zunächst nicht wirklich überzeugt einen Lehrling auszubilden, ließ sich aber doch überreden. Es war die schönste Zeit meiner Jugend“, erinnert sich Frey.

Herzensprojekt Brautkleid: „Ohne Corona hätte es das vielleicht nicht gegeben“

Gestartet sind die Freundinnen in das Herzensprojekt Brautkleid während des zweiten Lockdowns. „Ohne Corona hätte es das vielleicht nicht gegeben“, denkt Frey, die in dieser Phase durch Homeoffice Zeit freier einteilen konnte. Zeit war jedoch nicht das ausschlaggebende Moment, sondern vielmehr die vergebliche Suche nach dem richtigen Kleid. Einige Läden waren abgeklappert, doch Pauline Frey wurde nicht fündig.

Die Braut: Pauline Frey

Und so beschloss die Brautmutter im Sommer, selbst tätig zu werden. Nur so ganz alleine habe sie sich das nicht zugetraut. Vor allem fehle ihr das Know-how, einen Modellschnitt zu erstellen. „Das lernt man als Maßschneiderin im Meisterkurs oder im Studium“, erklärt Gerke, die hier helfen sollte.

Mutter näht mit schwerkranker Freundin das Brautkleid ihrer Tochter

Fast wäre nichts draus geworden: „Hilke erkrankte schwer. Ans Nähen war nicht zu denken“, erzählt Frey, die ihr Anliegen erst ansprach, als es aufwärtsging. „Die Arbeit am Kleid war für uns ein Fest, trotz oder wegen Corona und Hilkes Erkrankung.“ Ihr hat das einen Schub gegeben: „Für mich war es ein Mutmacher. Es geht zurück ins Leben.“

Beide sind glücklich über den Entwurf, der inspiriert ist von einem Modell der 50er-Jahre. Frey hat sich viel Mühe gemacht, die passenden Stoffe, Knöpfe und Blüten zu finden. Zich Stoffproben trafen aus ganz Deutschland ein: „Es ist so wichtig, sie anzufassen und ihre Farbe zu sehen.“

Das Brautkleit in seiner ganzen Pracht.

Vieles habe sie mit unsichtbarem Faden genäht, die Tüllmassen auf dem Wohnzimmerboden zugeschnitten. Der einzige Ort, der im Haus den Raum biete. 75 Meter Tüll und Softtüll wurden für mehrere Lagen Röcke verarbeitet, ein weiterer ist aus Seide.

Alles auf einen Blick

Mit dem Kassel-Newsletter der HNA erhalten Sie alle Neuigkeiten direkt in Ihr Postfach.

Brautkleid im Corona-Lockdown selbst genäht - Braut strahlt bei Anprobe

Der Clou: Der sogenannte Weiberspeck, ein Hüftpolster, das für Weite im Rock sorgt. „Es stammt aus der spanischen Weltmode des 16. Jahrhunderts“, erläutert Gerke. „Und ist viel bequemer als ein Reifrock zu tragen.“

Aufwendig gearbeitet ist auch die drapierte Korsage. Jede Falte wurde von Hand am Körper der Braut gesteckt. Das zeigt, was es für ein solches Projekt braucht: „Geduld, Liebe zum Detail und zur Tochter. Es war so schön, zu sehen, wie sie bei den Anproben gestrahlt hat“, sagt Frey. Einen Tag vor der Hochzeit von Pauline und Kai hat sie das Kleid im kleinen Fiat nach Hannover gebracht, während ihr Ehemann Christopher die Torte lieferte. (Helga Kristina Kothe)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.