Labyrinth mit Gruseleffekten

Ein Jahr vor documenta 15: Deutsches Historisches Museum eröffnet documenta-Ausstellung in Berlin

Die künstlerischen Leiter der documenta im Jahr 1991, Manfred Schneckenburger (von links), Rudi Fuchs, Harald Szeemann und Jan Hoet, sitzen auf Stühlen und schauen in die Kamera.
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Marathon-Gespräch 1991 in Weimar: Die künstlerischen Leiter Manfred Schneckenburger (von links), Rudi Fuchs, Harald Szeemann und Jan Hoet.

Exakt ein Jahr vor der documenta 15 in Kassel hat das Deutsche Historischen Museum (DHM) in Berlin die große Ausstellung „documenta. Politik und Kunst“ eröffnet. Bis Anfang 2022 sind fast 400 Objekte zur Geschichte der Kasseler Weltkunstausstellung zu sehen.

Berlin – Fast unscheinbar wirkt sie, in eine Ecke dieses riesigen, labyrinthisch eingerichteten Raums gerückt: „Die Kniende“ von Wilhelm Lehmbruck. Die Bronzeplastik ist ein ikonisches documenta-Kunstwerk. 1937 Bestandteil der Münchner Propagandaschau „Entartete Kunst“, 1955 in Kassel rehabilitiert: Damals war sie zentral in der Rotunde des Kasseler Fridericianums zu sehen.

Die Platzierung von Lehmbrucks Schlüsselwerk ist wie ein Signal: Hier geht es nicht um Kunst, sondern um die faszinierende, vielgestaltige Geschichte einer Kunstinstitution. Deren Ursprünge und Entwicklung bis zur dX 1997 werden auf 1500 Quadratmetern in zwei Geschossen, mit 390 Objekten und 45 Medienstationen aufgefächert – und die Gemälde und Skulpturen, die zuallererst die Thesen der Ausstellungsmacher illustrieren sollen, haben es schwer, neben all den Briefen, Protokollen, Plakaten, Interviews, Filmen und Fotografien die Wirkung zu entfalten, die ihnen nicht als Quelle für Historiker, sondern als Kunstwerke sui generis, ohne Blick auf den Kontext, zukommt.

Und das, obwohl zahlreiche wichtige Künstler der documenta-Geschichte vertreten sind, von Beckmann bis Beuys, von Fritz Winter bis Klaus Staeck, Andy Warhols Marilyn-Monroe-Siebdrucke genauso wie Baselitz, Penck und Immendorff („Café Deutschland VII“). Die junge Künstlerin Loretta Fahrenholz steuert ergänzend aktuelle Arbeiten bei.

Das Kuratorenteam, das bei der Pressekonferenz die Unterstützung durch das documenta-Archiv in Kassel hervorhob, hat die Exponate an Stellwänden in nüchternem Weiß, manche auch mit Gitterstruktur, nicht chronologisch geordnet, sondern nach Themen gegliedert. Da geht es, durchaus Konzentration erfordernd, um die Indienstnahme der Kunst im Kalten Krieg, Kassel als Bühne im Ost-West-Konflikt, um Kunstvermittlung, Künstlerproteste und die documenta als patriarchale Organisation: „von Männern organisiert, die Männer gezeigt haben“, wie Kurator Lars Bang Larsen sagt. Er stellt Künstlerinnen wie Séraphine Louis und Emy Roeder bis hin zu den Guerilla Girls aus.

Werner Haftmann (1912-1999). Archivfoto: Lengemann

Das Thema, das seit Monaten Schlagzeilen macht, ist also ein wichtiges, aber nicht einziges Kapitel: die Verstrickung der Gründergeneration in den Nationalsozialismus. Man erschrickt, wenn man sich in die Biografie des Kunsthistorikers Werner Haftmann vertieft, neben Arnold Bode als Initiator und Motor so etwas wie „Cheftheoretiker“ und Spiritus Rector der Ausstellung. Hinter mancher Ecke lauern Dokumente zum Gruseln.

Haftmann habe gern vom „Bildersturm“ der Nationalsozialisten gesprochen, die er auf ästhetischer Ebene für Banausen gehalten habe, sagt Julia Voss, die den Abschnitt zum Nationalsozialismus kuratiert hat. Dabei sei es den Nazis ja nicht nur um das Abhängen und Zerstören von Bildern gegangen, sondern um die „Auslöschung von Menschen“.

Voss’ Fazit lautet: Den mit der documenta 1955 propagierten „Neuanfang gab es nicht“. Von 21 Mitgliedern der Gesellschaft für Abendländische Kunst des XX. Jahrhunderts, die die erste documenta organisiert hat, hatten zehn der NSDAP, der SA oder SS angehört: „Diese Männer schwiegen über ihre Biografien, sie schwiegen über Morde und Gewaltverbrechen.“

Rudolf Levy, Selbstbildnis 1943.

Voss stellt zwei Lebensläufe nebeneinander: einerseits den Hitleranhänger und Antisemiten Emil Nolde. In einem Brief gibt Haftmann, der die Legende von dessen Malverbot erfand, zu, Noldes Reinwaschung zu betreiben. Und dann den jüdischen Maler Rudolf Levy, der 1940 auf der Flucht vor den Nazis in Florenz landete. 1943 verhaftet, starb er auf dem Transport nach Auschwitz.

Noldes Bilder wurden ungemein populär, er war in den ersten drei documenta-Ausstellungen vertreten. Levys Name steht mit Bleistift gekritzelt auf einer Künstlerliste mit Datum 1. 12. 1954 – durchgestrichen. Außer Marc Chagall war 1955 kein jüdischer Künstler in Kassel vertreten. Die These der Ausstellung: Das war kein Zufall. Jetzt in Berlin sind Levys eindrucksvolle Bilder zu sehen.

Noldes Gemälde hingen im Bundeskanzleramt, Schmidt und Kohl schätzten ihn, auch Angela Merkel, die sie vor zwei Jahren dann abgehängt hat. Willy Brandt übergab 1973 beim ersten Staatsbesuch eines Kanzlers in Israel Ministerpräsidentin Golda Meir das Gemälde „Knabenbildnis“ als Geschenk – gemalt von Rudolf Levy. Was man im DHM lernen kann: wie brisant das Spannungsfeld von Kunst und Politik ist. Wie Kunst politisiert, wie aber immer auch mit Kunst Politik gemacht wird.

Ausstellung bis 9. Januar 2022

„documenta. Politik und Kunst“ läuft bis zum 9. Januar 2022 im Pei-Bau des DHM, Unter den Linden 2, in Berlin. Geöffnet täglich 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Tagesticket 8 (4) Euro, bis 18 Jahre frei. Katalog im Prestel-Verlag (200 S., 36 Euro). Auch das Magazin „Historische Urteilskraft“ zum documenta-Symposium ist noch erhältlich. Umfangreiches Begleit- und Führungsprogramm, je nach der Corona-Situation. Infos auf der Homepage des Deutschen Historischen Museums.

Neue Vorwürfe gegen Werner Haftmann

Jüngste Forschungen des italienischen Historikers Carlo Gentile, wonach Werner Haftmann in Italien als Kriegsverbrecher gesucht wurde, sind passgenau zur Berliner Eröffnung veröffentlicht worden: Demnach wurde Haftmann 1944 als Dolmetscher zum XIV. Panzerkorps versetzt und leitete einen für Spionageabwehr und „Bandenaufklärung“ zuständigen Abwehrtrupp. Als Mitglied einer „Bandenjagdkompanie“ im Kampf gegen Partisanen wurde ihm das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen. Sogar Foltervorwürfe gegen Haftmann gibt es. (Mark-Christian von Busse)

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