Fast 200 Millionen Frauen betroffen

Tabuthema weibliche Genitalverstümmelung: Sie will Leid der Frauen lindern

Cornelia Krey
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Cornelia Krey von Pro Familia Kassel.

Alle elf Sekunden wird irgendwo auf der Welt ein Mädchen an seinen Genitalien verstümmelt, die Würde einer jungen Frau geraubt. Weltweit sind fast 200 Millionen Frauen in mehr als 50 Ländern betroffen.

Kassel – Zumeist wird die Genitalverstümmelung in afrikanischen und arabischen Ländern praktiziert, ist dort seit Jahrtausenden ein traditionelles Ritual. Aufgrund von Migration rückt weibliche Genitalverstümmelung auch in Deutschland in den Fokus.

„Darüber wird nur sehr selten gesprochen, es ist ein absolutes Tabuthema. Dabei gibt es in Deutschland – auch in Kassel – genug Frauen, die von Genitalverstümmelung betroffen sind“, sagt Cornelia Krey von Pro Familia Kassel. Gemeinsam mit den Verantwortlichen vom Mädchenhaus Kassel bietet sie regelmäßig Informationsveranstaltungen an, bildet Fachkräfte fort.

Weibliche Genitalverstümmelung: Beschneidung als festlicher Akt

Die Beschneidung wird häufig als festlicher Akt zelebriert und findet statt, wenn die Frauen noch junge Mädchen sind. Dann werden sie oft gewaltsam festgehalten, ehe sie ohne Betäubung an ihren Genitalien beschnitten werden. Anschließend wird die Vagina meist bis auf eine kleine Öffnung zugenäht. Auch die Mutter ist dabei. Eine Beschneidung unter ärztlicher Aufsicht findet nur in Ausnahmefällen statt. Viele Mädchen verbluten bei dem Ritual, infizieren sich mit tödlichen Krankheiten oder sterben aufgrund der großen Schmerzen.

Für diejenigen, die es überleben, sind die Folgen verheerend. Körperlich wie seelisch. „Die Sexualität der Frau ist eingeschränkt, sie hat Probleme bei der Menstruation, beim Urinieren, beim Entbinden und ist viel anfälliger für Entzündungen“, sagt Stefanie Burmester vom Mädchenhaus Kassel. Zudem gebe es einen großen Vertrauensverlust gegenüber der Mutter.

Weibliche Genitalverstümmelung: In Deutschland gesetzlich verboten

Doch welche Motivation steckt hinter diesem Ritual? Burmester: „Es wird natürlich gemacht, um Frauen zu kontrollieren. Die Menschen, die so etwas durchführen, glauben, dass sie für das Mädchen etwas Gutes tun. In vielen Kulturen wird es damit begründet, dass die Frau nur danach rein ist und gesunde Kinder zur Welt bringen kann.“

In Deutschland ist weibliche Genitalverstümmelung gesetzlich verboten. Allerdings sei es laut Burmester und Krey nicht auszuschließen, dass es auch hierzulande Fälle gibt, wo das Ritual praktiziert wird.

Weibliche Genitalverstümmelung: Fortbildung für Fachkräfte sehr wichtig

Die beiden Frauen versuchen seit Jahren, auf das Thema aufmerksam zu machen. Sie wollen sensibilisieren und informieren. Und: Sie treten in Kontakt mit Betroffenen. „Das ist ganz wichtig, dass die Frauen jemanden haben, mit dem sie über ihre Erlebnisse sprechen können. Es ist aber gar nicht so einfach, dieses Vertrauen zu gewinnen“, sagen die beiden.

Darüber hinaus sei es wichtig, dass Betroffene auch mit Fachkräften wie Ärzten, Lehrern oder Erziehern offen reden können. Doch die fühlen sich bei weiblicher Genitalverstümmelung oft unsicher, möchten weder diskriminieren noch verletzen. Deshalb seien Fortbildungen so wichtig. „Es bleibt ein langer Kampf, wenn wir das Leid der Frauen lindern wollen“, sagt Krey. (Pascal Spindler)

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