„Wie soll der Rest der Bevölkerung Vertrauen gewinnen, wenn wir uns nicht impfen lassen?“

Impfung gegen Corona: Mitarbeiter am Klinikum Kassel sollen Impfskeptiker überzeugen

Sie wurde als Erste im Klinikum Kassel geimpft: Mandy Gundlach ließ sich von Karin Nörz den Wirkstoff injizieren.
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Sie wurde als Erste im Klinikum geimpft: Mandy Gundlach ließ sich von Karin Nörz den Wirkstoff injizieren.

Neben Über-80-Jährigen werden auch die ersten Krankenhausmitarbeiter gegen Corona geimpft. Beim ersten Termin im Klinikum Kassel zeigte sich, dass so auch Impfskeptiker überzeugt werden sollen.

Kassel – Einen Tag nach dem Impfstart in Deutschland werden auch Mitarbeiter des Klinikums in Kassel gegen Covid-19 immunisiert. Als Erstes waren gestern diejenigen an der Reihe, die Corona-Patienten versorgen. Neben Beschäftigten aus Alten- und Pflegeheimen sowie Über-80-Jährigen zählen sie zur Gruppe mit der höchsten Priorität. Weil das Klinikum als koordinierendes Krankenhaus die Patientenströme in der Region steuert, wurde es vorrangig mit dem Impfstoff versorgt. Wir waren bei der ersten Impfung dabei.

Die erste Spritze

Mandy Gundlach musste nicht überlegen, ob sie sich impfen lässt. „Ich habe keine Sekunde gezögert“, sagt die Pflegedienstleiterin der Covid-Station. In den vergangenen Monaten hat sie hautnah miterlebt, was das Virus mit Menschen anrichtet. Die schlimmste Erfahrung für die 46-Jährige war zu sehen, wie die Menschen vor dem Tod allein sind: „Wir Pfleger ersetzen die Familie nicht.“

Auch darum geht sie nun mit gutem Beispiel voran. Um kurz nach zehn steht Gundlach in den Konferenzräumen, in denen sonst Chefärzte tagen, ganz vorn in der Schlange. Hier sollen bis Jahresende alle Ärzte und Pfleger geimpft werden, die zur Gruppe mit der höchsten Priorität gehören – etwa 200.

Gundlach hat ihren Anamnesebogen ausgefüllt und wartet nun auf die Spritze, die in den kommenden Monaten Millionen Deutsche bekommen werden. Weil sie im Klinikum die Erste ist, sind viele Kameras auf sie gerichtet. Ein Reporter fragte, ob sie aufgeregt sei. Antwort: „Nein.“

Hinterher wird sie sagen, dass sie wegen der Journalisten doch etwas aufgeregt war, nicht aber wegen der Impfung. Den eigentlichen Ablauf kennt sie schon von der jährlichen Grippeimpfung. Auch diesmal ist es nur ein kleiner Pikser. Einziger Unterschied zu sonst: Es gibt dutzende Fotos und Filmaufnahmen. Eine Kollegin scherzt: „Sollen wir applaudieren?“ Für Mandy Gundlach war das alles nur ein kleiner Schritt, für die Menschheit könnte es ein großer Sprung gewesen sein.

Der Impfstoff

Für Michael Höckel ist das, was gestern im Klinikum passiert ist, etwas ganz Besonderes. „Das ist ein großer Moment. Ich bin sehr aufgeregt“, sagt der Leiter der Apotheke im Klinikum, der mit seinen Mitarbeitern für das Wichtigste an diesem Tag verantwortlich ist. Am Samstag hat er 150 Impfdosen in Empfang genommen. Die Feuerwehr hatte die wertvolle Fracht aus dem Impfzentrum am Auestadion an den Möncheberg gebracht. Mehr Symbolik geht nicht. Wobei: Das Blaulicht war bei der Fahrt nicht eingeschaltet.

Ein Datenlogger überwacht die konstante Temperatur, damit die Kühlkette eingehalten wird, die für den Impfstoff Comirnaty der Firmen Biontech und Pfizer notwendig ist. In Oberfranken hatte am Wochenende der Impfstart verschoben werden müssen, weil das Gerät Temperaturen jenseits der Acht-Grad-Grenze anzeigte. In Kassel indes lief alles reibungslos. Höckel lagerte 150 Impfdosen bei minus 75 Grad.

Bei der Impfung gestern bekam jeder Mitarbeiter einen zehnminütigen Zeit-Slot. Alles ist genau geplant, denn mehr als sechs Stunden ist der Impfstoff ohne Spezialkühlung nicht haltbar. Gestern wurden 60 Spritzen verabreicht. In den nächsten Tagen sollen jeweils 100 Mitarbeiter geimpft werden, immer von 8 bis 20 Uhr.

Die Impfquote

Neben der Wirksamkeit des Impfstoffs wird entscheidend sein, wie viele Menschen mitmachen, damit im Lauf des Jahres eine Herdenimmunität von mindestens 60 Prozent erreicht wird. Im Klinikum schätzt man, dass sich derzeit 60 Prozent der Mitarbeiter impfen lassen wollen. Eigentlich müssten es mehr sein. Denn der Anteil der Impfverweigerer dürfte außerhalb von Krankenhäusern deutlich höher sein.

Wie also überzeugt man die Skeptiker? Sicherlich nicht mit Druck. Also hat Apotheker Höckel die wichtigsten Informationen zur Impfung an alle Mitarbeiter verschicken lassen. Einige seien so schon überzeugt worden. Dr. Thomas Fischer ist sich sicher: „Die restlichen werden kommen.“ Der medizinische Geschäftsführer glaubt, dass viele in den nächsten Tagen „ganz genau gucken werden, ob die geimpften Kollegen blaue Flecken im Gesicht haben. Wenn da nichts ist, werden die Leute nachziehen.“

Im Gesicht von Mandy Gundlach war gestern keine Reaktion zu beobachten. In drei Wochen wird sie ihre zweite Spritze bekommen. Erst danach wird der Schutz wirksam. Gundlach wird sich auch danach an sämtliche Hygieneregeln halten. Seit Monaten vermeidet sie mit ihrer Familie soziale Kontakte. Ihr zwölfjähriger Sohn, ein Hobby-Judoka, trainiert den Kampfsport nur noch über Zoom am Bildschirm. Weihnachten haben sie erstmals komplett allein verbracht. Damit sie nächstes Jahr wieder mit ihren Eltern feiern kann, hofft Gundlach auf viele Nachahmer: „Wie soll der Rest der Bevölkerung Vertrauen gewinnen, wenn wir uns nicht impfen lassen?“ (Matthias Lohr)

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