Denkmalpfleger Markus Harzenetter über den Brüder-Grimm-Platz

Umstrittener Märchenwald: Jetzt kritisiert auch Hessens oberster Denkmalpfleger den Umbau

Präsident des hessischen Landsamts für Denkmalpflege: Markus Harzenetter.
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Präsident des hessischen Landsamts für Denkmalpflege: Markus Harzenetter.

Wird der geplante Märchenwald den Kasseler Brüder-Grimm-Platz wirklich besser machen? Hessens oberster Denkmalpfleger hat da seine Bedenken. Die Kritik an dem Großprojekt ebbt nicht ab.

Kassel – Auch zweieinhalb Monate nach der Vorstellung des Siegerentwurfs für den Brüder-Grimm-Platz hält die Kritik am dort geplanten Märchenwald an. Viele Kasseler hat die Planung des Kölner Büros Club L94 nicht überzeugt. Auch in der hochkarätig besetzten Jury des Wettbewerbs war der spätere Siegerentwurf umstritten. Nach HNA-Informationen war er im zweiten Rundgang sogar schon ausgeschieden, ehe ein Rückholantrag ihn wieder ins Spiel brachte. Auch Markus Harzenetter, Präsident des hessischen Landesamts für Denkmalpflege, kritisiert den Märchenwald. Wir sprachen mit dem 55-Jährigen.

In der Debatte um den Brüder-Grimm-Platz haben Sie sich mit einem Zitat des Architekten Adolf Loos zu Wort gemeldet: „Man darf nur dann etwas Neues machen, wenn man etwas besser machen kann.“ Würde der Märchenwald den Platz nicht besser machen?
Das kann und will ich so pauschal nicht behaupten. Ich war Teil der Wettbewerbs-Jury und unterliege daher der Jury-Disziplin. Den Wettbewerb, der alle Kriterien erfüllt, die an ein solches Prozedere gestellt werden, kann ich nicht direkt kommentieren. Ich kann aber allgemein feststellen, dass es in so einer Jury keinen Zwang zur Einstimmigkeit gibt. Der Siegerentwurf entfernt sich sehr weit vom historischen Erbe des Platzes, der bundesweit einer der wenigen erhaltenen, grünen Stadtplätze der Nachkriegszeit ist. Ich frage mich: Ist es notwendig, dass ein Entwurf die 250-jährige Geschichte des Platzes komplett negiert? Oder kann man nicht die historischen Qualitäten weiterentwickeln?
Sie sagen: Ohne den Brüder-Grimm-Platz wäre Kassel nicht das, was es heute ist. Warum ist der Platz für den Bergpark und den Herkules so wichtig?
Weil er eine Scharnierfunktion zwischen der einstigen Altstadt und Wilhelmshöhe hatte, er hat die Achsen umgelenkt und den Stadt- mit dem Landschaftsraum verbunden. Das war das Modernste, was man sich damals vorstellen konnte. Jetzt hatte die Stadt ein Rückgrat und Plätze, um die herum sich neue Quartiere entwickeln konnten. Zunächst war der Platz ein von Bäumen definierter Vorhof vor den Mauern der Stadt. Seine schon im Entwurf angelegte, grundlegende Bedeutung für das kontinuierliche Wachstum der Stadt hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt.
Der Brüder-Grimm-Platz verbindet für Sie aber nicht nur zwei Achsen, sondern manifestiert den Machtanspruch des Fürsten über die Stadt bis zum Horizont. Ist solch ein Gedanke heute noch zeitgemäß?
Es war eine barocke Idee, dass der Blick von der Innenstadt quasi bis ins Unendliche der freien Landschaft geführt wird und so einen Machtanspruch illustriert. Die heutige Bedeutung ist eine andere. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde der historische Grundriss aufgenommen und im Sinne der Idee von der autogerechten Stadt weiterentwickelt. Ich verstehe, dass heutige Stadtplaner mit dem riesigen Straßenanteil unzufrieden sind. Man muss die Wilhelmshöher Allee zwischen Landes- und Tapetenmuseum überqueren können, ohne Gefahr zu laufen, mehrfach überfahren zu werden. Ich hatte gehofft, dass im Wettbewerb Ideen kommen, die die Historie überhaupt wahrnehmen. Der Siegerentwurf nimmt den historischen Zustand und das Potenzial, das er für eine behutsame Weiterentwicklung bietet, gar nicht zur Kenntnis.
Viele Menschen wünschen sich von einem Platz eine gewisse Aufenthaltsqualität. Der Brüder-Grimm-Platz indes ist wegen der dominierenden Straßen für viele nicht mal als Platz erkennbar. Kann es sein, dass man an den Menschen vorbei plant, wenn man zu sehr an die Denkmalpflege denkt?
Wir haben an vielen Orten ein Akzeptanzproblem mit der Architektur der 1960er-Jahre. In Kassel wahrscheinlich weniger, weil es eine Wiederaufbaustadt ist. Der Brüder-Grimm-Platz selbst war nie sehr stark bespielt. Bislang ist hier der Autoverkehr dominierend. Das ist die Schwachstelle des Platzes, der im Entwurf der 1960er-Jahre durch die Terrassierung des Geländes, die Bepflanzung und die Ausstattung mit Sitzgelegenheiten unter Wahrung der Blickachsen einen guten Ansatzpunkt für mehr Aufenthaltsqualität bietet. Ein Platz braucht die Weite des Blickes. Ein Stadtwäldchen aber würde weder die Aufenthaltsqualität verbessern noch den Blick auf die Gebäude und die Blickachsen wahren. Die historische Dimension eines Ortes wird nicht sekundär, nur weil sie nicht mehr der heutigen Ästhetik entspricht.
Der Architekt Frank Flor versichert, die Blickachsen würden durch seinen Entwurf nicht verdeckt. Beruhigt Sie das nicht?
Oftmals entwickelt sich die Vegetation nicht so, wie geplant – etwa wegen des Untergrunds oder klimatischer Veränderungen. Vor allem aber würde die jetzige Konzeption des Platzes zerstört. Und wenn man aus der Innenstadt kommt, wird man nicht mehr auf den Herkules schauen können. Sie müssen erst durch den Wald oder an ihm vorbei.
Sie sind also kein Fan des Märchenwalds.
Ich will nicht der bessere Architekt sein. Es wird aber sicher schwierig, mit dem jetzigen Entwurf, der zweifellos Qualitäten hat, einen Kompromiss zustande zu bringen. Ich würde mir wünschen, dass die Aufenthaltsqualität des Platzes durch eine Reduzierung der Verkehrs- und Parkflächen zugunsten der Segmente mit ihren ursprünglichen Gestaltungsmerkmalen gesteigert würde. Auf diese Weise könnte das Ideal der 1960er-Jahre, einen dreigeteilten Park als Ruhe- und Verweilzone inmitten des Verkehrs zu schaffen, in eine aktuelle Planung integriert werden.
Hat Sie die seit Wochen emotional geführte Debatte über den Platz überrascht?
Nicht wirklich. Ich war eher überrascht, dass es so lang gedauert hat, bis sich die Kritiker zu Wort gemeldet haben. Grundsätzlich ist alles Bauen öffentlich. Ich finde es wunderbar, wenn es eine lebendige Diskussionskultur über Architektur gibt. Die kompetente Diskussionsbereitschaft in Kassel ist meiner Ansicht nach eine Stärke der Stadt.
Im vorigen Jahr machte Kassel Schlagzeilen, weil der Protest gegen das documenta-Institut auf dem Karlsplatz Oberbürgermeister und Parlament dazu veranlasste, einen entsprechenden Beschluss zurückzuziehen. Wie geht die Stadt mit Ihrem städtebaulichen Erbe um?
Sehr behutsam. Kassel gilt bei uns nicht als Sorgenkind. Im Gegenteil. Ich spüre eine sehr hohe baukulturelle Verantwortung beim Umgang mit dem historischen Erbe.
Wie können die Kasseler in der Debatte nun mitgenommen werden?
Die Stadt hat den Prozess hervorragend moderiert und wird dies sicher auch weiter tun. Aber auch eine hohe Prozessqualität kann nicht dafür bürgen, dass das Ergebnis unumstritten ist. Man hat wohl unterschätzt, dass die Beharrungskräfte relativ groß sind. Man muss nun fragen: Gibt es mit dem aktuellen Entwurf eine wirkliche Verbesserung oder eher eine Verschlechterung? Die Stärke eines Architekten ist es auch, sich an der einen oder anderen Stelle von seinem Entwurf zu lösen. Es muss sich zeigen, ob das in diesem Fall gelingt.

(Matthias Lohr)

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