Ralph Raabe: „So laut, wild und frei wie neulich wird es nie wieder werden“

documenta im Kasseler Party-Zentrum: So sieht der Ex-Betreiber die Pläne

Betrieb in Kassel unter anderem das A.R.M. und die Weinkirche: Ralph Raabe.
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Betrieb unter anderem das A.R.M. und die Weinkirche: Ralph Raabe.

Die documenta findet nächstes Jahr auch in der Werner-Hilpert-Straße statt, einst ein Party-Zentrum der Stadt. So denkt der Mann, der das Quartier aufgebaut hat, über die Pläne.

Kassel – 28 Jahre lang hat Ralph Raabe mit seinen Aktivitäten in der Werner-Hilpert-Straße die Kasseler Kulturszene und das Nachtleben der Stadt geprägt. Im Club A.R.M. und in der Lolita-Bar wurde gefeiert, es gab viel Kunst und in der Weinkirche fanden Konzerte statt. 2018 kaufte die Firma Mietstück dem verschuldeten Raabe die Immobilie ab. Ein Jahr später zog der gebürtige Kasseler aus, der jahrelang auch mitten im Party-Zentrum gelebt hatte. Im kommenden Jahr wird die WH22, wie das Areal nun heißt, offizieller documenta-Standort. Es ist eine große Chance für das zuletzt ungenutzte Gelände. Raabe hat damit nichts mehr zu tun. Wir sprachen mit ihm über den Ort.

Tausende documenta-Besucher werden 2022 den Ort entdecken, den Sie seit den 90er-Jahren aufgebaut haben. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Nachricht hörten?
Als ich Ende April davon hörte, dachte ich: logisch, konsequent, mehr gemachtes Nest geht fast nicht.
Zuletzt gab es auf dem Gelände nur die Lolita-Bar. Die documenta-Leiter von Ruangrupa, Mietstück und Ihr einstiger Geschäftspartner Bob Wachholder hoffen, dass das Gelände langfristig für die Kultur erhalten bleibt. Welche Perspektive sehen Sie für den Ort?
Ich verstehe die Frage nicht. Wieso hoffen? Mietstück, Bob Wachholder und Ruangrupa haben es doch in der Hand, die Kultur am Standort zu erhalten. Oder erst mal wieder aufzubauen. Das setzt ein klares Bekenntnis von Mietstück als Eigentümer voraus. Die inhaltliche Entwicklung eines solchen Ortes passiert nicht von allein oder so nebenbei. Dafür muss man Geld in die Hand nehmen und die gebuchten Kräfte bezahlen.
Für alle, die noch nie da waren: Was macht diesen Ort eigentlich so besonders?
Das Besondere am Programm von A.R.M., Weinkirche und Galerie Loyal war die extreme Vielfalt. Konzerte aller möglichen Genres, viel Freitanz, Kunstausstellungen, Experimente, Kooperationen mit Universitäten und dem Staatstheater. Und auch ein handfestes stadtpolitisches Engagement ging von hier aus. Immerhin wurden durch unsere Kampagne die Kasseler Freibäder vor dem Abriss gerettet. Das Motto damals lautete: „Pool bleiben.“ Entsprechend bunt und gemischt war auch das Publikum. Menschen aller Schichten und Herkünfte. Im besten Sinne anti-elitär.
Auch die Gebäude sind ungewöhnlich.
Eine wesentliche Besonderheit ist der bis heute fast unangetastete ruinenhafte Zustand, an dem sich seit 1945 nicht viel geändert hat. Hier kann man mit einem Blick erkennen, dass mal eine Bombe auf das Haus fiel. Ein lebendiges Kriegsdenkmal. Bereits 2003 hatte ich bei einem Gespräch im Bauamt vorgeschlagen, dass man das gesamte Grundstück, so wie es ist, als Ensemble unter Denkmalschutz stellen müsste. Bevor die letzten Spuren des Feuersturms über Kassel endgültig vernichtet sein werden und man keinem jungen Menschen mehr zeigen kann, mit welcher Brutalität der Krieg in Kassel wütete.
Clubs haben es nicht erst seit der Pandemie schwer. Wäre ein Club wie das A.R.M. noch vorstellbar?
Vorstellbar ja. Aber so laut, wild und frei wie neulich wird es nie wieder werden. Dadurch dass die Kulturruine so lange „ausgekühlt“ ist und sich die Nachbarschaft gerade stark verändert, würde ich bei einem Neustart eines Clubs mit vermehrten Lärmbeschwerden rechnen.
Was könnten Sie sich sonst dort vorstellen?
Zuerst muss der Marktdruck vom Grundstück genommen werden. Ganz toll wäre es, wenn die aktuellen Besitzer mit der Stiftung des Grundstücks ein klares Bekenntnis zur Stadtkultur zeigen. Dann könnte man ganz anders über die Entwicklung eines langfristig tragenden Konzeptes denken und den Ort dauerhaft als wichtige Kulturstelle erhalten.
Könnten Sie sich vorstellen, dort auch wieder Projekte zu verwirklichen?
Sicher würden mir viele Dinge einfallen. Nur bin ich noch in der Erholungsphase. Aktuell lebe ich in Zierenberg. Ein guter Ort, um mich von dem ganzen Quatsch zu erholen. Hier schreibe ich gerade an einem schönen Konzept, das bald die gesamte Region mit frischester Kultur erfreuen wird.
Gab es in der Vergangenheit eigentlich schon mal Pläne, dass die documenta dort einen Standort hat?
Es gab in der Vergangenheit immer wieder Kooperationen mit der documenta. Bei der d14 lief zum Beispiel in der Wiese regelmäßig ein elektronischer Musikabend. Außerdem wurde aus der Weinkirche ein documenta- Künstlergespräch für „Aspekte“ im ZDF gesendet.
Wie wehmütig sind Sie, dass die documenta dort ausgerechnet nach Ihrem Abschied einzieht?
Für Wehmut ist kein Platz. Es geht darum, nach vorne zu schauen.

(Matthias Lohr)

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