„Ein Ohrwurm ist etwas Individuelles“

Professor Jan Hemming im Interview zu Lenas Lied „Satellite“

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Den Ohrwürmern auf der Spur: Der Musikwissenschaftler Prof. Jan Hemming von der Universität Kassel hat Forschungen dazu angestellt.

Kassel. Die frisch gebackene Abiturientin Lena Meyer-Landrut (19) ist die Siegerin des deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest, der am Samstag in Oslo stattfindet. Ist ihr Lied „Satellite“, das auf allen Radiosendern läuft, ein Ohrwurm?

Darüber sprachen wir mit dem Musikwissenschaftler und Ohrwurm-Experten der Universität Kassel, Prof. Jan Hemming.

Was ist denn ein Ohrwurm?

Pro. Jan Hemming: Ganz nüchtern betrachtet haben unsere Forschungen ergeben: Ein Ohrwurm ist eine Gedächtnisleistung, also etwas, was sich der Mensch unbeabsichtigt gemerkt hat. Auch das wiederholte Abrufen des Ohrwurms tritt vollkommen unwillkürlich auf. Ich tue also nichts dazu, dass der Ohrwurm wiederkommt.

Ist Lenas Lied ein Ohrwurm?

Hemming: Ein Ohrwurm ist etwas sehr Individuelles, worüber jeder selbst entscheiden muss. Lenas Lied geht eher in Richtung Sprechgesang. Wir haben bei unseren Forschungen aber auch festgestellt, dass es einen Text-Ohrwurm gibt.

Der Entertainer Stefan Raab hat für das Casting eine hervorragende Auswahl getroffen. In meinen Augen hat er aber zu sehr auf die musikalische Qualität geachtet. Was man in Malta oder in Norwegen beispielsweise musikalisch gut findet, wurde nicht mit einbezogen.

Wie sind Sie zu Ihren Forschungsergebnissen zum Ohrwurm gekommen?

Hemming: Wir haben eine CD mit 20 deutschen und englischen Titeln aufgenommen, die das Potenzial zu einem Ohrwurm haben könnten und diese an 60 Versuchspersonen verteilt, die männlich, weiblich, jung oder alt waren.

Wie entsteht ein Ohrwurm?

Hemming: Wir glauben, dass er durch markante Liedstellen entsteht, aber auch durch emotionale Erinnerungen, die positiv oder negativ sein können. Es gibt Menschen, da tritt der Ohrwurm nach dem ersten Hören auf, beim anderen auch nach zwanzigmaligem Hören nicht.

Wann kommt ein Ohrwurm am häufigsten vor?

Hemming: Wir haben beobachtet, dass er in Phasen mentaler Entspannung, teilweise gepaart mit körperlicher Anspannung vorkommt.

Und wie haben die Versuchspersonen reagiert?

Hemming: Zwei Drittel haben angegeben, dass sie ihren Ohrwurm als angenehm empfunden haben, ein Drittel als unangenehm. Die meisten verbanden den Ohrwurm mit einem emotionalen Inhalt. „The Final Countdown“ beispielsweise weckten bei Älteren Ernnerungen an eine gelungene Party aus der Jugendzeit.

Wie sehen denn die unangenehmen Empfindungen aus?

Hemming: Es kann auch vorkommen, dass man ein verhasstes Lied nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Manchmal reicht auch schon ein Reizwort oder eine Situation, die man mit einem bestimmten Lied verbindet.

Wie wird man den Quälgeist denn wieder los?

Hemming: Keinesfalls mit der Methode, das Lied einfach bis zum Ende zu hören. Vielmehr hilft es, sich eine ganz andere Musik anzuhören oder sich eine andere Melodie vorzustellen.

Wie finden Sie Lenas Lied?

Hemming: Es gehörte während des Vorentscheides zu einem meiner Favoriten. Aber in den Casting-Shows geht es möglicherweise weniger um das Produzieren von Musik, als von Emotionen.

Welche Chancen räumen Sie dem Lied ein?

Hemming: Es wird vermutlich im Mittelfeld landen. Entscheidend ist ja auch, welche Länder zu wem halten. Da geht es ja auch um nationale Identitäten.

Von Beate Eder

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