Interview zum Serienauftakt

"Ein Ort für die Lebenden“: Kasseler Hauptfriedhof wird 175 Jahre alt

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Sie kennen sich mit der Besttaung, den Lebenden, Bäumen und Tieren aus: Jürgen Rehs (links) und Jörg Ickenstein arbeiten auf dem Hauptfriedhof.

Kassel. Für die einen ist er ein Ort der Trauer und der Besinnung, für die anderen ein Naherholungsgebiet in der Kasseler Nordstadt: Der Hauptfriedhof, der in diesem Jahr 175 Jahre alt wird.

Im Juni feiert die Friedhofsverwaltung dieses Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür. Wir nehmen es außerdem zum Anlass, in einer Serie über die Vielfältigkeit dieses Friedhofs in der Nordstadt zu berichten.

Die Serie wird in lockerer Folge erscheinen. Zum Auftakt haben wir mit Jürgen Rehs, Chef der Kasseler Friedhofsverwaltung und mit Jörg Ickenstein, der für den Hauptfriedhof zuständig ist, über die Vielfältigkeit des 40 Hektar großen Friedhofs gesprochen.

Was macht den Kasseler Hauptfriedhof so besonders?

Jürgen Rehs:Allein seine schiere Größe mit 40 Hektar Grünfläche in der Kasseler Nordstadt. Nach dem Ersten Weltkrieg sind die großen Friedhöfe in den deutschen Städten so gestaltet worden, dass sie eine Abschirmung zur Wohnbebauung darstellten. Auf den Friedhöfen wurden an den Wegen Alleebäume gepflanzt. Man wollte weg von den steinernen Friedhöfen mit dichter Belegung und Steinplatten, wie es sie heute noch zum Beispiel in Frankreich und Italien gibt.

Bäume spielen also auf dem Hauptfriedhof eine große Rolle?

Rehs: Der Baumbestand hat eine enorme Bedeutung. Die älteste Eiche ist mindestens so alt wie der Friedhof, also 175 Jahre. Für uns ist es eine riesen Herausforderung, die alten Bäume zu erhalten. Dafür ist extra ein Baumpflegetrupp auf dem Friedhof unterwegs. Wir haben mehr als 80 verschiedene Gehölzarten. Das ist natürlich besonders interessant für die Insekten, Bienen und Hummeln. Stadtimker Victor Hernandez hat auf dem Friedhof einige seiner Völker stehen. Friedhöfe bieten den Bienen wegen der biologischen Vielfalt sehr viel Nektar.

Wie sieht es mit anderen Tieren aus?

Jörg Ickenstein: Wir haben durch den großen Baumbestand natürlich auch eine reichhaltige Vogelwelt. In den vergangenen Wochen wurde mehrfach eine Waldschnepfe gesichtet, die auch nicht alltäglich zu sehen ist. Im vergangenen Jahr wurde über fünf Wochen ein Rehbock auf dem Friedhof gesichtet. Irgendwann war er wieder verschwunden. Waschbären haben wir sowieso, jüngst wurden auch wieder Füchse gesichtet.

Hier liegt der Kasseler Hauptfriedhof:

Es gibt also viel Leben auf dem Hauptfriedhof, er ist nicht nur letzte Ruhestätte für die Toten.

Rehs: Das stimmt. Wir haben vor einigen Jahren am Eingang Halitplatz ein Schild aufgestellt, auf dem steht: „Hauptfriedhof, Ort der Lebenden“.

Sind dort auch junge Menschen zu sehen?

Ickenstein: Viele joggen über den Friedhof. Oft sind auch junge Frauen mit Kinderwagen hier unterwegs. Für die bedeutet der Friedhof ein Naherholungsgebiet.

Rehs:An den Wochenenden laufen hier auch viele jüngere Menschen mit dem Fotoapparat herum und fotografieren die alten Grabmale. Der Hauptfriedhof ist schließlich ein Spiegel der Stadtgeschichte.

Ickenstein:Wenn man den Friedhof am Eingang Halitplatz betritt und zunächst in Richtung Westen und dann in Richtung Norden zum Ausgang Wiener Straße geht, begibt man sich auf eine Zeitreise.

Können Sie das erklären?

Rehs: Als der erste Teil des Friedhofs zwischen Mombachstraße und Tannenheckerstraße 1843 eröffnet wurde, hatte er ein ganz anderes Erscheinungsbild als heute. Im alten Teil befinden sich rechts und links der Alleen große Grabstätten reicher Bürgerfamilien. Dort stehen 2,50 Meter hohe Grabmale aus Sandstein mit Symbolen. Zum Teil wurden die Gräber noch eingezäunt, um sich auch im Tod noch nach außen abzuschotten.

Ickenstein: Die Familie Henschel hat sich zum Beispiel so eine Grabstätte an einer Allee gekauft. Menschen, die nicht so viel Geld hatten, wählten dann ein Grab in zweiter oder dritter Reihe. Heute würde übrigens keiner mehr ein Grab unter Alleebäumen kaufen. Allein wegen des vielen Laubs nicht.

Wie geht die Zeitreise weiter?

Ickenstein:40 bis 50 Jahre nach der Eröffnung wurde der Friedhof Richtung Heckershäuser Straße erweitert, ab 1920 dann in nördliche Richtung. Eine weitere Erweiterung folgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Grabsteine in diesen Bereichen sehen anders aus.

Rehs:Nach Sandstein in den Anfängen waren schwarzer Granit und dann Diabas angesagt. Von 1960 bis 1990 hat der Grabstein aus Marmor den nördlichen Teil des Friedhofs geprägt. Und danach wurde wieder Granit favorisiert.

Ickenstein:Und die Grabsteine sind im Laufe der Zeit immer kleiner geworden.

Ebenso wie die Grabstätten?

Rehs: Das stimmt. Das liegt daran, dass wir bis in die 1970er-Jahre noch 85 bis 90 Prozent Erdbestattungen hatten. Mittlerweile haben wir fast 80 Prozent Urnenbestattungen. Diese Urnengräber sind viel kleiner, nur ein mal einen Meter groß. Durch die Veränderungen im Bestattungsverhalten brauchen wir auch auf dem Hauptfriedhof weniger Platz.

Hat man darauf reagiert?

Rehs: Ja, mit zwei Beschlüssen. Der erste Beschluss beinhaltet, dass in dem Bereich entlang der Wiener Straße seit dem Jahr 2000 keine neuen Gräber mehr angelegt werden. Dort gibt es noch Gräber, die eine Laufzeit bis 2026 haben. Zudem wurde festgelegt, dass der nördlich gelegene Teil, quasi ab der Verlängerung der Grebensteiner Straße, langfristig leerlaufen soll. In diesem Teil verkaufen wir jetzt schon keine neuen Gräber mehr.

Flächenmäßig geht es nach 175 Jahren also zurück zu den Ursprüngen.

Ickenstein: Ja. Es bleibt abzuwarten, was mit diesen Flächen, die an die Stadt Kassel zurückfallen, dann passieren wird.

Treiben manche auf dem Friedhof auch ihr Unwesen?

Rehs:Solche Fälle hatten wir lange nicht mehr. Anfang der 1990er-Jahre haben wir hier mal tote Igel gefunden, die offenbar von Satanisten geopfert worden waren.

Ickenstein:Vor geraumer Zeit hat ein Obdachloser mal an der Rückwand des oberirdischen Teils des Mausoleums sein Lager eingerichtet. Das haben wir erst gar nicht gesehen. Das war nicht schlimm, aber natürlich musste der Mann wieder seine Zelte abbrechen.

Haben Sie einen Rat für die Kunden?

Rehs: Ein Sterbefall ist für eine Familie oder den Partner ein einschneidendes Erlebnis. Manche Menschen sind darauf vorbereitet, bei anderen kommt der Tod plötzlich und unerwartet. Das sind die schwierigen Fälle. Da können die Angehörigen tagelang keinen klaren Gedanken fassen. Mein Anliegen ist, dass die Menschen rechtzeitig mit ihren Angehörigen darüber reden, wo und wie sie bestattet werden wollen. Denkt daran, dass ihr eines Tages sterben werdet.

Zu den Personen

Jürgen Rehs(62) ist Gartenbauingenieur und arbeitet seit November 1981 bei der Kasseler Friedhofsverwaltung. Die Leitung hat er 1994 übernommen. Jörg Ickenstein (46) ist Gärtnermeister und arbeitet seit 1997 bei der Friedhofsverwaltung. Er ist für den Hauptfriedhof zuständig. Ickenstein ist verheiratet, hat einen Sohn, lebt in Kassel.

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