Begeisterter Hobbysportler

Kasseler bemühte sich vergeblich um Impfung, dann starb er an Corona

Ihn kannten viele in Kassel: Frank Liebrecht betrieb mehrere Handy-Shops, organisierte die „Kasseler Inline Skate Session“ (Kiss) mit, fuhr Mountainbike, spielte Golf und war auch sonst ein begeisterter Sportler.
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Ihn kannten viele in Kassel: Frank Liebrecht betrieb mehrere Handy-Shops, organisierte die „Kasseler Inline Skate Session“ (Kiss) mit, fuhr Mountainbike, spielte Golf und war auch sonst ein begeisterter Sportler.

Frank Liebrecht aus Kassel war ein kerngesunder Mann, trieb viel Sport und hatte keine Vorerkrankungen. Dann starb er an Corona. Ein Impfung hätte den 61-Jährigen retten können.

Kassel – Am 29. April stand Maja Göbel am Marienkrankenhaus in Kassel und sah ihren Partner Frank Liebrecht das letzte Mal bei Bewusstsein. Über den Seiteneingang wurde er auf die Covid-Station gebracht. Am 26. Juni starb der 61-Jährige an den Folgen einer Corona-Infektion.

Fast zwei Monate lang hatte Maja Göbel die Hoffnung, dass alles gut werden würde. Dass der kerngesunde Mann, der Rad und Ski fuhr, nicht geraucht und keine Vorerkrankungen hatte, die Krankheit besiegen würde. Doch das Virus war stärker.

In der Todesanzeige stand der Satz: „Wir wollen daran glauben, dass wir dieses heimtückische Virus, das uns diese schlimmen Narben zufügt, eines Tages besiegen werden.“ Wie viele hatte Frank Liebrecht auf eine Corona-Impfung gehofft. Weil er seine 85-jährige Mutter pflegte, gehörte er zur Priorisierungsgruppe 2. Zweimal begleitete er sie zur Impfung in die Aueparkhalle und versuchte, ohne Termin geimpft zu werden. Doch es gab nicht genügend Impfstoff. Die Mail mit der Nachricht, dass er einen Termin bekommt, erhielt er erst im Mai. Da lag er schon im Koma.

Mann verstirbt an Corona-Infektion: Er war in Kassel „bekannt wie ein bunter Hund“

Die Geschichte von Frank Liebrecht ist eine von vielen tragischen Geschichten in der Pandemie. Zahlreiche Menschen haben an seinem Schicksal teilgenommen. Denn Frank Liebrecht war in der Stadt „bekannt wie ein bunter Hund“, wie Maja Göbel sagt. Der Zwehrener Junge hatte einst Kfz-Mechaniker gelernt und im Autohaus Glinicke gearbeitet. Doch seine Stärke war nicht nur das Schrauben, sondern vor allem die Kommunikation. „Er kam mit allen Menschen gut zurecht“, sagt seine Partnerin. Bei der Trauerfeier erzählte ein Freund, wie hilfsbereit Frank Liebrecht immer war. Es sei eine Selbstverständlichkeit für ihn gewesen: „Auf ein Dankeschön reagierte er oft mit einem verlegenen Lächeln.“

Der Liebhaber von allerlei „elektronischem Spielzeug“, wie er selbst es nannte, setzte sich früh mit Handy, Navi und Tablet auseinander und machte sein Hobby zum Beruf. Als Selbstständiger betrieb er Shops von Arcor und Vodafone am Altmarkt, am Königsplatz und im City-Point. Die letzten sechs Jahre arbeitete er im Vertrieb der Netcom Kassel.

Frank Liebrecht war begeisterter Hobbysportler – im April wurde er positiv auf Corona getestet

Der begeisterte Hobbysportler organisierte und sponserte die „Kasseler Inline Skate Session“ (KISS) mit. Dort hatte er vor 15 Jahren auch Maja Göbel kennengelernt. Sie fuhren Inliner, Mountainbike und Rennrad, sie machten Yoga und segelten mit Freunden auf dem Mittelmeer. Frank Liebrecht hatte ein Talent für viele Sportarten – in jungen Jahren surfte er selbst bei starkem Wind, mit Freunden überquerte er auf dem Mountainbike die Alpen, zuletzt spielte er leidenschaftlich Golf.

Im April wurde er positiv auf Corona getestet und musste in Quarantäne. Seine ebenfalls infizierte Partnerin litt nur unter milden Symptomen. Nach 14 Tagen ließen sich beide erneut testen, die Ergebnisse waren negativ. Doch Frank Liebrecht ging es immer schlechter. Im Marienkrankenhaus wurde er erneut getestet. Erst beim dritten Mal hieß es, er sei positiv.

Bereits nach zwei Tagen kam er auf die Intensivstation, wo er künstlich beatmet wurde. Wegen der Ansteckungsgefahr durfte ihn seine Lebensgefährtin nicht besuchen. In seiner letzten Kurznachricht schrieb er ihr, dass er Panikattacken habe. Er hatte Atemnot und Angst zu ersticken.

Auf Corona-Intensivstation im Klinikum verlegt: Mann aus Kassel musste ins künstliche Koma versetzt werden

Am Mittag des 10. Mai erhielt Maja Göbel einen Anruf aus dem Hospital. Ihr Lebensgefährte wurde ins künstliche Koma versetzt und intubiert, hieß es. Maja Göbel konnte nicht ein letztes Mal mit ihm telefonieren: „Sie haben mich darum betrogen, mich von ihm zu verabschieden. Ich hätte ihm gern die Angst genommen.“

Zwei Tage später wurde Frank Liebrecht ins Klinikum Kassel auf die Covid-Intensivstation verlegt. Dort durfte seine Partnerin wieder zu ihm. Einige Tage später sagte der Chefarzt zu Maja Göbel, sie müsse sich die Situation ihres Partners so vorstellen: Bei seiner Ankunft sei er auf der Höhe des Mount Everest gewesen, auf 8800 Metern, wo es kaum Sauerstoff gibt. Nun sei er auf 4000 Metern, wo die Luft immer noch dünn ist. Es klang trotzdem nach Hoffnung.

Im Klinikum wurde Frank Liebrecht an eine künstliche Lunge angeschlossen. Sogenannte ECMO-Geräte kommen bei invasiv beatmeten Corona-Patienten zum Einsatz, wenn die Lungen den zugeführten Sauerstoff nicht mehr in ausreichender Menge ins Blut abgeben können. Das Blut wird dann außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert.

Mann aus Kassel stirbt nach Corona-Infektion: „Eine Impfung wäre ausreichend gewesen, um ihn vor dem Tod zu bewahren“

Sieben Wochen lang hing Frank Liebrecht an dieser Maschine. Maja Göbel besuchte ihn jeden Tag. Waren die Werte etwas besser, hoffte sie, dass sich die Lunge erholen würde. Aber immer wenn die Sauerstoffzufuhr etwas gedrosselt wurde, um seine Atmung zu aktivieren, schaffte es die Lunge nicht. „Die Geräte haben uns quasi einen besseren Zustand vorgegaukelt.“

Vor Jahren hatte Frank Liebrecht eine Patientenverfügung ausgefüllt. Sein Leben sollte nicht von Maschinen abhängig sein. Aber wer will den Menschen, den er liebt, gehen lassen, wenn noch Hoffnung da ist? Am 24. Juni sagten die Ärzte, es gebe keine Perspektive, dass er jemals ohne diese Geräte leben könne. Zwei Tage später wurden alle lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt. Eine Viertelstunde später hörte Frank Liebrechts Herz auf zu schlagen.

Maja Göbel denkt immer wieder daran, wie wenig nötig gewesen wäre, Frank Liebrechts Leben zu retten: „Eine Impfung wäre ausreichend gewesen, um ihn vor dem Tod zu bewahren.“ Für „Querdenker“, die behaupten, das Virus sei nicht so schlimm, hat sie kein Verständnis. Maja Göbel hofft, dass die Menschen Corona ernst nehmen. Sie hat aber noch einen anderen Appell: Man solle das Leben genießen, wie es Frank Liebrecht getan hat. Es kann jeden Tag vorbei sein. (Von Matthias Lohr)

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