Interview mit Reiner Finkeldey

Scheidender Präsident der Uni Kassel: „Hätte mir mehr Dynamik gewünscht“

Reiner Finkeldey, im Hintergrund der Campus am Holländischen Platz mit dem Ahna-Grünzug.
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Prof. Dr. Reiner Finkeldey

Sechs Jahre lang war Reiner Finkeldey Präsident der Uni Kassel. Für eine neue Amtszeit trat er nicht an.

Kassel – Das Präsidenten-Büro hat er schon geräumt, am Freitag hatte Reiner Finkeldey seinen letzten Arbeitstag in der Uni-Verwaltung an der Mönchebergstraße. Wir sprachen mit dem scheidenden Präsidenten über Erfolge und Widerstände.

Bisher ist wenig zu den Gründen bekannt: Warum sind Sie nicht erneut als Präsident angetreten?
Die Frage habe ich mir andersherum gestellt: Ist die Motivation groß genug, das noch mal zu machen? Das Amt ist mit sehr hohen Kosten verbunden: Man gibt die Hoheit über den eigenen Terminkalender fast vollständig aus der Hand und auch über die Themen, mit denen man sich beschäftigt. Natürlich kann man als Präsident auch eigene Themen setzen, aber viel häufiger ist es andersherum. Das hohe Maß an Freiheit, das ich als Professor kannte, habe ich zuletzt vermisst. Es war daher eine persönliche Entscheidung zu sagen: Sechs Jahre sind genug. Vor dem Ende meiner beruflichen Laufbahn wollte ich noch mal zurückkehren in die wissenschaftliche Arbeit.
Ihr Ausscheiden kam vor allem überraschend, weil jetzt das Nachhaltigkeits-Zentrum der Uni Gestalt annimmt, das Sie angestoßen haben. Viele haben erwartet, dass Sie „Ihr Baby“ wachsen sehen wollen.
Das werde ich ja auch. In der Tat war das Zentrum für Nachhaltigkeitsforschung meine Idee, aber es hat viele Unterstützerinnen und Unterstützer gefunden – auch meine Nachfolgerin Ute Clement, die das Vorhaben früh mitentwickelt hat. Ich bin optimistisch, dass es sich gut entwickelt. Die ersten vier Professuren sind ausgeschrieben. Es ist ein guter Zeitpunkt, das Thema in noch breitere Hände zu geben.
Werden Sie künftig als Professor noch daran beteiligt sein?
Ich bin Biodiversitätsforscher. Das hat nur punktuell mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen zu tun, an die das Zentrum mit seinen Forschungsfeldern anknüpft. Aber natürlich halte ich es auch aus meiner Perspektive als Forstwissenschaftler für ausgesprochen wichtig, sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigten. Das ist ja inzwischen eine Binsenweisheit. Wenn die Uni Kassel konsequent auf dieses Thema setzt, werden wir an nationaler und internationaler Sichtbarkeit gewinnen – in Forschung und Lehre. Wichtig ist, dass die Uni jetzt dranbleibt, damit sie bei dem Thema, das in fünf bis zehn Jahren überall ganz oben anstehen wird, weiter die Nase vorn hat.
Haben Sie also ihr Ziel erreicht, mit dem Sie als Präsident angetreten waren: die internationale Sichtbarkeit der Uni zu steigern und das Forschungsprofil zu schärfen?
Die Forschungsprofilierung lässt sich nicht nur auf das Nachhaltigkeitszentrum reduzieren. Es gibt mehrere Bereiche, in denen Kassel sehr erfolgreich forscht. So wurde zum Beispiel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft das Projekt zu Mega-Städten in Indien und der Sonderforschungsbereich in der Physik verlängert. Und wir sind federführend an einem internationalen Forschungsverbund zu Krisen in Lateinamerika beteiligt und an einer ganzen Reihe weiterer Projekte. Was die Internationalisierung des Studiums angeht, gab es coronabedingt einen Einbruch bei der Zahl ausländischer Studierender. Das betrifft aber nicht nur Kassel, sondern alle Hochschulen.
Wo sehen Sie die wichtigsten Aufgaben für Ihre Nachfolgerin?
Die Studierendenzahlen werden wie an allen Hochschulen ein wichtiges Thema bleiben. Angesichts des demografischen Wandels müssen wir mehr und mehr aktiv werden und attraktive Studienangebote machen, um weiter gut ausgelastet zu sein. Womit wir wieder beim Nachhaltigkeitszentrum wären. Beim documenta-Institut wäre ich gern ein paar Schritte weiter. Aber wir als Uni sind im Vergleich mit den anderen Akteuren schon gut aufgestellt: Wir stellen mit Heinz Bude einen prominenten Gründungsdirektor für das Institut und haben drei documenta-Professuren besetzt, für die ich mich sehr eingesetzt habe. Die inhaltliche Arbeit ist also auf gutem Weg.
Wie sieht es mit dem Neubau der Naturwissenschaften aus?
Das ist alles in trockenen Tüchern, auch wenn sich das Verfahren schon lange hinzieht. Das ist eben so im öffentlichen Bereich, wenn sich viele Akteure abstimmen müssen. Der erste Bauabschnitt wird in absehbarer Zeit in die Umsetzungsphase gehen. Bei der Neuauflage des Hochschulbauprogramms Heureka haben wir zusätzlich 180 Millionen Euro zugesprochen bekommen. Damit können wir den kompletten Umzug angehen. Sobald es losgeht, sollte der gesamte Bau möglichst schnell erfolgen. Optimistisches Ziel ist, dass bis 2031 alle Fachbereiche aus Oberzwehren an den Holländischen Platz gezogen sind.
Was nehmen Sie mit aus den sechs Jahren als Präsident – positiv wie negativ?
Eine steile Lernkurve auf jeden Fall. Und viele spannende Begegnungen, auch mit großen Unternehmen, um die Verankerung der Uni in der Region voranzubringen. Auf der Negativseite verbuche ich eine oft aufreibende Diskussionskultur und manchmal eine große Zurückhaltung gegenüber Neuerungen – gerade in den Hochschulgremien. Das ist auch nicht besser als an einer altehrwürdigen Traditionsuni. Von einer noch recht jungen Hochschule mit Wurzeln in der Reformbewegung hätte ich mir manchmal mehr Dynamik und Veränderungsbereitschaft gewünscht.
Wie geht es für Sie persönlich weiter?
Ich werde in Witzenhausen die Professur für Populationsgenetik der Pflanzen antreten, von der ich für die Dauer der Präsidentschaft freigestellt war. Ich freue mich darauf, dass ich mich nun noch rund sieben Jahre auf die Themen fokussieren kann, die mich besonders interessieren: nämlich die genetischen Mechanismen, mit denen Bäume und andere Pflanzen auf Veränderungen des Klimas und der Landnutzung reagieren. (Von Katja Rudolph)

Zur Person

Prof. Dr. Reiner Finkeldey (59) trat im Oktober 2015 sein Amt als Präsident der Uni Kassel an. Zuvor war er ab 2013 Vizepräsident an der Universität Göttingen. Finkeldey stammt gebürtig aus Minden und studierte Forstwissenschaften in Göttingen. Nach der Promotion forschte und arbeitete er unter anderem auf den Philippinen, in Thailand, Schweden und der Schweiz. 2001 erhielt er einen Ruf an die Uni Göttingen als Professor für Forstgenetik und Forstpflanzenzüchtung. Künftig wird Reiner Finkeldey am Kasseler Uni-Standort Witzenhausen forschen. Mit seiner Frau will er weiter in Fuldatal-Ihringshausen wohnen bleiben: „Wir fühlen uns hier sehr wohl.“

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