Der frühere Pfadfinderführer Hans Heintze berichtet über Horst S.

Ehemaliger Pfadfinderführer berichtet über Horst S.: „Ein skrupelloser Machtmensch“

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Pfadfinderheim: In dem Gebäude bei Hofgeismar soll es vor etwa 45 Jahren zu sexuellen Übergriffen gekommen sein.

Kassel. Es war im Jahr 1965, als sich der damals 20 Jahre alte Pfadfinder Bernd Müller (Name geändert) einem älteren Kameraden anvertraute. Sechs Jahre lang hatte er ein schreckliches Erlebnis mit sich herumgeschleppt, nun sprach er sich bei dem Pfadfinderleiter Hans Heintze aus Hann. Münden aus.

Er sei als 14-Jähriger von einem anderen Pfadfinder sexuell missbraucht worden, sagte Müller: Von Horst S., der damaligen Nummer eins unter den Pfadfindern in Nordhessen und Südniedersachsen und zugleich Lehrer an der Albert-Schweitzer-Schule in Kassel. Gegen Horst S., der mittlerweile verstorben ist, erheben immer mehr Opfer schreckliche Vorwürfe. Es geht um Missbrauch und Vergewaltigung. Nun packt erstmals ein damaliger Pfadfinderführer aus, der Horst S. gut kannte. Nicht anonym, sondern mit vollem Namen: Hans Heintze, heute 70 Jahre alt, pensionierter Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Gymnasium in Hannover.

Heintze gründete in seiner Jugend in Südniedersachsen einige Pfadfindergruppen. Dadurch kam er in Kontakt zu Horst S., der als Bundesführer des Pfadfinderbundes „Großer Jäger“ die Szene in Nordhessen und Südniedersachsen beherrschte. Horst S., so erinnert sich Heintze, war ein dominanter Mann: „Wenn der in einen Saal kam, war der Saal plötzlich voll.“ Der kugelrunde Horst S. sei nicht nur äußerlich eine imposante Gestalt gewesen: „Er konnte reden, und er war ein Machtmensch.“

Einer, der seine Interessen auch skrupellos durchgesetzt habe. Er habe sich Seilschaften errichtet und sei auch nicht vor Erpressung zurückgeschreckt. Wer gegen ihn war, dem drohte er mit Klagen, erinnert sich Heintze.

Dass der Pfadfinderboss auf kleine Jungs in kurzen Hosen stand, habe man damals auch bei den Pfadfindern geahnt. Es gab viele Hinweise, sagt der pensionierte Lehrer: Horst S. habe stets seine Favoriten gehabt, mit denen er sich auch öffentlich umgab. Auf der anderen Seite sei es ihm anfangs gelungen, seine Pädophilie gut zu tarnen. Er habe flammende Reden gegen die Homosexualität gehalten.

Zum Bruch vieler Pfadfinder mit Horst S. kam es 1964/65, als er den Bau eines Internats in Hofgeismar forcierte. Heintze erinnert sich: „Es gab kein pädagogisches Konzept, und auch die Finanzierung machte Sorgen.“ Etliche Pfadfinder hätten sich von Horst S. losgesagt. Heintze: „Heute ist mir klar: Horst S. wollte das Heim, um einen Ort zu haben, an dem er seine pädophilen Neigungen ausleben konnte.“

Im Internat hatte Heintze denn auch ein merkwürdiges Erlebnis: Als er einmal in das Zimmer des Heimwartes kam, habe Horst S. dort mit einem Jungen auf der Couch gelegen. Angezogen zwar, aber eng aneinandergeschmiegt. Dem großen Pfadfinderboss sei es keineswegs peinlich gewesen , dass Heintze diese Szene sah. „Er lebte vermutlich nach dem Motto: Mir kann keiner was.“

Erst Jahre später habe er von Müller erfahren, zu was Horst S. fähig war. Mit seinem Wissen ging Heintze damals dennoch nicht zur Polizei: „Wer hätte uns schon geglaubt? Und die Jungs  wären von Horst S. fer-tiggemacht worden. Skrupellos genug war er dafür.“

Die „Luchse“ sind erschüttert

Im Jahr 1948 hatte Horst S. die Pfadfindersippe „Luchs“ im Stamm „Großer Jäger“ gegründet. Heute, nach den Vorwürfen gegen Horst S., distanzieren sich die „Luchse“ von ihrem Gründer. Auf der Homepage der Pfadfinder heißt es unter anderem: „Bis vor Kurzem waren auf dieser Seite zwei Texte zu lesen, die sich mit den Verdiensten des Gründers und langjährigen Führers der Pfadfinderschaft Luchs, Horst S., befassten. Die kürzlich durch die Presse bekannt gewordenen Anschuldigungen der Pädophilie gegen S. haben uns veranlasst, unser Verhältnis zum Gründer unserer Pfadfinderschaft zu überdenken.

Das hat zu erheblichen Zweifeln an der persönlichen und pädagogischen Integrität des Horst S. geführt, so dass wir uns von der Person, vor allem von seinen Verhaltensweisen distanziert haben ... Was nun durch die besagten Äußerungen ans Licht kommt, war uns bisher nicht bekannt, und wir sind selbst in einem erheblichen Maß erschüttert. Zugleich bedauern wir zutiefst, was den Opfern hinter der Fassade und im Namen der Pfadfinder von S. angetan wurde.“

Von Frank Thonicke

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