1. Startseite
  2. Kassel

Anwalt des Lübcke-Mörders: „Ich würde jeden verteidigen“

Erstellt:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

Vertritt den Mörder von Walter Lübcke: Mustafa Kaplan (links) mit seinem Mandanten Stephan Ernst im Frankfurter Oberlandesgericht.
Vertritt den Mörder von Walter Lübcke: Mustafa Kaplan (links) mit seinem Mandanten Stephan Ernst im Frankfurter Oberlandesgericht. © Boris Roessler/DPA

Fast wäre Mustafa Kaplan kriminell geworden, nun ist er ein Star-Anwalt, der Erdogan und den Mörder von Walter Lübcke vertritt. Hier erzählt er, wieso ihm Stephan Ernst ein Stück weit leidtat.

Kassel/Karlsruhe – Mustafa Kaplan vertrat nicht nur Stephan Ernst, den Mörder von Walter Lübcke vor Gericht, sondern auch den türkischen Präsidenten Erdogan. Nun hat der Kölner Rechtsanwalt, der auch schon NSU-Opfer vertrat, ein Buch über seine Fälle geschrieben. „Anwalt der Bösen“ erscheint an diesem Donnerstag – an dem Tag, an dem der Bundesgerichtshof in Karlsruhe das Urteil im Lübcke-Prozess prüft. Am Frankfurter Oberlandesgericht war der Rechtsextremist Stephan Ernst zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sein Weggefährte Markus H., der wegen Beihilfe angeklagt war, erhielt nur eine Bewährungsstrafe wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Wir sprachen mit dem Rechtsanwalt.

Anders als manche Kollegen waren Sie nie in Talkshows. Warum haben Sie nun ein Buch über sich und Ihre Arbeit geschrieben?

Ich habe lange überlegt, ob ich so ein Buch schreiben soll. Der Wunsch wurde von außen an mich herangetragen. Mein guter Freund Franz sagte: „Du musst das schreiben.“ Meine Freundin Dilek hat mich gefragt, ob ich das nicht machen will. Und mehrere Literatur-Agenten haben mich angeschrieben. Da dachte ich: Warum eigentlich nicht? Von mir selbst wollte ich zunächst jedoch kaum etwas preisgeben. Ich wollte nur über meine Fälle berichten und das Buch so schreiben, wie ich meine Plädoyers halte. Da behalte ich immer die Kontrolle. Das hat aber nicht funktioniert: Das Buch hat irgendwann die Kontrolle übernommen. So habe ich dann auch über meine Kindheit und meine Familie geschrieben. Ein Stück weit war das eine Befreiung.

Ihre Ex-Frau zitieren Sie mit dem Satz: „Du bist und bleibst ein Selbstdarsteller.“ Hat sie recht?

Ich würde lügen, wenn ich das komplett verneinen würde. Als Anwalt ist man doch immer dabei, sich ein stückweit zu präsentieren – ob vor Mandanten oder vor Gericht. Ich hoffe aber, dass das bei mir alles im Rahmen bleibt.

Sie mussten viel Kritik einstecken, nachdem Sie das Mandat von Recep Tayyip Erdogan und Stephan Ernst übernommen hatten. Würden Sie jeden Angeklagten verteidigen?

Über diese Frage habe ich oft nachgedacht, weil sie mir auch von Bekannten häufig gestellt wird. Bis jetzt habe ich keinen Grund gefunden, jemanden abzulehnen. Grundsätzlich würde ich also jeden verteidigen.

Wie groß war Ihre Sorge, der langjährige Rechtsextremist Stephan Ernst könnte Sie als türkischstämmigen Verteidiger instrumentalisieren, um sich als geläutert darzustellen?

Diesen Gedanken hatte ich am Anfang auch. Ich habe jedoch so viel Menschenkenntnis, dass ich beurteilen kann, ob mir jemand nur nach dem Mund redet, um mich für sich zu gewinnen. Nach meinem ersten Gespräch mit Stephan Ernst hatte ich jedoch zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass es ihm darum geht, den türkischstämmigen Anwalt Mustafa Kaplan als schmückendes Beiwerk neben seinem anderen Verteidiger Frank Hannig zu haben. Zudem habe ich ihm von Anfang an deutlich gemacht: Es kann nur funktionieren, wenn er meinen Ratschlägen folgt.

Laut Stephan Ernst hat ihn sein Verteidiger Frank Hannig zu einem falschen Geständnis verleitet. Im Prozess stellte Hannig unabgesprochen mit Ihnen obskure Beweisanträge, in denen davon die Rede war, dass Familie Lübcke in ein korruptes Netzwerk eingebunden war. Haben Sie so ein Verhalten schon einmal erlebt?

Nein, niemals. Bis dahin kannte ich ihn nicht persönlich. Aber ich hatte damals schon eines seiner Videos in sozialen Netzwerken gesehen, in denen er eigene Mandanten übelst beschimpft und beleidigt. Ich dachte: Was ist das für ein Typ? Ich hoffe, dass ich ihn nie mehr im Gerichtssaal erleben werde. Das OLG Frankfurt hat Stephan Ernst dann nicht geglaubt, dass Hannig ihm sein zweites Geständnis quasi serviert hat. In gewisser Weise kann ich das nachvollziehen. Er hat einfach zu viele unterschiedliche Varianten über das geliefert, was in der Tatnacht in Istha passiert ist.

Sie schreiben, dass Sie Stephan Ernst in den Gesprächen mit ihm nicht als unbelehrbaren Fanatiker kennengelernt haben. Er sei strukturiert, ruhig und sachlich gewesen. Wie passt das zu seiner Biografie eines Ausländer hassenden Gewalttäters, der er über Jahrzehnte war?

Das passt überhaupt nicht. Ich habe ihn allerdings zu einem Zeitpunkt kennengelernt, als ihm bereits klar war, dass er so nicht weitermachen kann. Er hat in seinem Leben viele Menschen brutal angegriffen. Er hat versucht, ein von Ausländern bewohntes Haus in Brand zu setzen. Einen türkischen Imam hat er mit dem Messer attackiert. Und auch im Gefängnis war er gewalttätig. Als ich ihn kennenlernte, war er schon mehr als ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. Er hatte Zeit, über seine Fehler nachzudenken und was er den Opfern, seiner Familie und seinen Kindern angetan hat. Ihm wurde klar, dass er nicht nur sein Leben ruiniert hat. Es war wie bei einem Drogenabhängigen, der bei Verstand plötzlich merkt, dass er nur Scheiße gebaut hat.

Nach der Urteilsverkündung sagte er zu Ihnen: „Herr Kaplan, wenn wir zwei uns in der Jugend kennengelernt hätten – wer weiß, wir hätten vielleicht Freunde werden können.“ Was dachten Sie bei diesem Satz?

Ich war überfordert mit dem Satz und habe in dem Moment auch nichts gesagt. So perplex war ich. Später habe ich mir tatsächlich die Frage gestellt, ob sein Leben anders verlaufen wäre, wenn er früher anderen Leuten begegnet wäre. Ein Stück weit hat er mir auch leidgetan. Seinen Werdegang begleite ich weiter. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis und sehen uns einmal im Monat.

Was macht Sie so sicher, dass er den Iraker Ahmed I. nicht niedergestochen hat? Für diese Tat wurde er freigesprochen.

Er hat mir gesagt, dass er damit nichts zu tun hat. Ich bin nicht so naiv, dass ich meinen Mandanten alles abnehme, was sie mir erzählen, aber hier glaube ich ihm. In seinem Urteil hat das Gericht zahlreiche Indizien aufgezählt, die gegen Stephan Ernst als Täter sprechen. Das DNA-Gutachten des Experten Harald Schneider war sehr merkwürdig, wie wir schon bei seiner Aussage vor Gericht festgestellt haben. Und es gibt eine Quittung für das Messer, die angebliche Tatwaffe, die erst drei Wochen nach dem Angriff gekauft wurde. Das war ein megastarkes Argument. Wir können nicht alle ungeklärten fremdenfeindlichen Überfälle in Nordhessen Stephan Ernst in die Schuhe schieben.

Wie haben Sie Familie Lübcke wahrgenommen, die fast jeden Verhandlungstag im Gerichtssaal war und Sie und Ihren Kollegen sogar auf ihr Grundstück in Wolfhagen-Istha ließ, damit Sie sich einen Eindruck vom Tatort machen konnten?

Für sie muss es ein unglaublich schwieriger Weg gewesen sein, sich dem allen vor laufenden Kameras zu stellen. Nicht nur vor Gericht hat sich die Familie sehr würdevoll verhalten. Bevor wir in den Verhandlungssaal gingen, haben wir uns jeden Morgen begrüßt und später am Tag verabschiedet. Nachdem ich ihren Anwalt gefragt hatte, ob wir uns den Tatort in Istha ansehen können, war ich sehr froh, dass sie zustimmten. Das war nicht selbstverständlich. Die Söhne haben uns empfangen. Wir wollten uns anschauen, ob Markus H. den Weg hätte nehmen können, den er laut Stephan Ernst zur Terrasse zurückgelegt hat. Nach dem Besuch war uns klar: Es passte alles. Auch daher glaube ich Stephan Ernst.

Gegen das Urteil haben Sie Revision eingelegt, weil Sie davon überzeugt sind, dass der Todesschuss den Tatbestand des Totschlags erfüllt und kein Mord ist. Die Nebenklage von Familie Lübcke fand Ihre Argumentation diesbezüglich „unerträglich“. Mit welchen Erwartungen blicken Sie auf die Verhandlung am BGH in Karlsruhe?

Ich hoffe, dass der BGH das Urteil aufhebt und an einen anderen Senat des OLG zurückverweist. Ich weiß allerdings, dass die Chance gering ist. Dass der BGH die Tat als Totschlag einstuft, wird eher schwierig. Das habe ich auch meinem Mandanten gesagt. Er wird nicht in Karlsruhe sein. Sollte der Freispruch gegen Markus H. aufgehoben werden, müsste meiner Ansicht nach auch der Fall Ernst wieder aufgenommen werden. Schließlich hätte er dann dazu beigetragen, dass H. überführt wird.

Stephan Ernst nimmt im Gefängnis in Frankfurt an einem Aussteigerprogramm teil. Wie lang wird das noch dauern?

Das kann man nicht sagen. Dieser Weg könnte auch zehn Jahre dauern. Seit Herbst 2020 nimmt er am Ikarus-Programm teil. Seither redet er einmal die Woche ein bis zwei Stunden mit Beamten. Es geht um seine Vergangenheit, wie er sich radikalisiert hat, um Netzwerke und um seine Familie. Er erzählt alles, was er weiß. Ich kann mir vorstellen, dass die Erkenntnisse für die Sicherheitsbehörden sehr wertvoll sein können. Er macht genau das, was er im Prozess angekündigt hat.

Wie verbringt er seine Zeit im Gefängnis?

Er macht viel Sport und betätigt sich handwerklich. Er redet nicht nur mit den Leuten von Ikarus, sondern auch mit Seelsorgern, mit einer Psychologin, und er nimmt an Gruppensitzungen teil.

Im Buch schildern Sie, dass er Angst hatte, Markus H. könne seiner Familie etwas antun. Wie berechtigt ist diese Sorge?

Stephan Ernst kennt seine Pappenheimer und weiß, wozu die fähig sind. Grundsätzlich gibt es das Risiko. Aber ich habe ihm immer gesagt, dass die Sicherheitsbehörden alarmiert sind und Markus H. im Auge haben. Ausschließen kann man so etwas aber nie.

Sie danken Ihren Eltern, die seit 20 Jahren wieder in der Türkei leben, in einem Epilog. Wie stolz sind Ihre Eltern auf Sie? 

Sehr, sie sind mittlerweile beide über 80 und kriegen das, was ich in Deutschland mache, nur am Rande mit. Wenn ich sie besuche, sind meine Fälle kein Thema. Wir versichern uns dann lieber gegenseitig unserer Liebe.

Das Buch: „Anwalt der Bösen“

Mustafa Kaplans Buch „Anwalt der Bösen“ ist auch eine Geschichte des Aufstiegs. Der Rechtsanwalt erzählt lesenswert, aber auch etwas selbstverliebt seine eigene Geschichte. Sie handelt von einem Achtjährigen, der von den Eltern aus seinem türkischen Heimatdorf nach Deutschland geholt wird. Der Vater war bereits 1969 nach Köln ausgewandert, um der Armut zu entfliehen.

Ohne Deutschkenntnisse knüpft der kleine Mustafa über den Fußball Kontakte. Er wird als „stinkender Türke“ beschimpft und wehrt sich später mit Fäusten. Als Mitglied einer Jugendbande wird er zum Kleinkriminellen. Ihm und seinen Mitstreitern geht es darum, „deutsche Kartoffelfressen zu klatschen“, wie Kaplan schreibt: „Wir waren Asoziale, und wir benahmen uns auch so.“

Kaplan bekommt noch die Kurve. Erst will er Journalist werden, dann studiert er Jura. Bundesweit bekannt wird er nicht nur als Opfervertreter im NSU-Prozess, sondern auch als Anwalt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Streit mit Jan Böhmermann wegen dessen Schmähgedicht. Das Verfahren gegen den ZDF-Komiker gewinnt Kaplan für seinen Mandanten. Auch das soll den Lübcke-Mörder Stephan Ernst beeindruckt haben.

Im Buch schreibt Kaplan auf vielen Seiten über Ernsts schwere Kindheit. Von seinem Vater wurde er regelmäßig geschlagen. Das Einzige, das die beiden verbunden habe, sei der Hass auf Ausländer gewesen. Schon während des Prozesses in Frankfurt kritisierte der Sprecher der Familie Lübcke, Ernst werde so vom Täter zum Opfer gemacht. Kaplan sagt, er wolle die Tat nicht rechtfertigen, sondern den Hintergrund erklären. (Matthias Lohr)

Mustafa Kaplan: Anwalt der Bösen. Lübckes Todesschütze und Erdogan – warum ich Menschen vertrete, die keiner verteidigen will. Piper-Verlag, 256 Seiten, 18 Euro.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion