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Graffiti-Künstler über Ruruhaus: „Ein Symbol wie der Himmelsstürmer“

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Von: Matthias Lohr

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Heinz Erhardt in der Treppenstraße Kassel: Wandgemälde von KolorCubes und dem Kollektiv Britto Arts Trust aus Bangladesch an der Treppe 4.
Heinz Erhardt in der Treppenstraße: Wandgemälde von KolorCubes und dem Kollektiv Britto Arts Trust aus Bangladesch an der Treppe 4. © Sarah Menzel

Mit anderen Kollektiven fertigten die Kasseler Graffiti-Künstler von KolorCubes Kunstwerke für die documenta an. Das Bekannteste ist die Fassade des Ruruhauses. Soll sie bleiben?

Kassel – Das Kasseler Graffiti-Kollektiv KolorCubes war auf der documenta sehr präsent. Dustin Schenk, Sarah Menzel und Stefan Gebhardt bemalten mit dem Ruruhaus das Herz der Kunstschau. Mit Taring Padi und anderen Kollektiven entstanden weitere Wandbilder. Wir sprachen mit Schenk nicht nur über das Ruruhaus, dessen Zukunft offen ist.

Das von Ihnen bemalte Ruruhaus war eines der meistfotografierten documenta-Motive. Wie oft haben Sie es auf Instagram und anderswo gesehen?

Sehr oft. Es war auf lokalen und internationalen Kunstzeitschriften zu sehen und in der Werbung der Kasseler Sparkasse. Wir haben das Herzstück der documenta fifteen bemalt – und zwar nicht nur von außen, sondern auch innen im Welcome Center. Dazu kommen mehrere andere Arbeiten. Das waren spannende Projekte. Durch unsere Mitarbeit am Lumbung-Konzept wurden wir später auch als documenta-Künstler akkreditiert. Es ist toll, wenn die eigene Arbeit so gewürdigt wird. Diese documenta war zum Mitmachen. Auch deshalb war sie großartig.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Ruangrupa?

Die Ruangrupa-Mitglieder Reza Afisina und Iswanto Hartono waren bereits vor zwei Jahren bei uns im Schillerviertel. Für sie war klar, dass Street-Art und Graffiti-Kultur ein Teil der documenta sein sollten. Für den Mainstream ist Graffiti immer noch Underground. Dabei ist die Kunstform längst allgegenwärtig und wird auch von Konzernen beauftragt. Hier waren es aber Ruangrupa und die documenta, die Graffiti auf das Podest der anerkannten Kunst gehoben haben. Es war toll, dass wir so daran mitwirken konnten – mit dem Ruruhaus, Workshops sowie Arbeiten mit den Kollektiven Taring Padi und Britto Arts Trust. Für uns hat die documenta daher nicht 100 Tage gedauert, sondern sie war zwei Jahre Austausch mit Freunden und Kollektiven.

Das Ruruhaus wird nun ein Impfzentrum. Mittelfristig könnte die Immobilie für Kultur genutzt werden. Ob die Fassade so bleibt, ist unklar. Laut Stadt gibt es bislang keine Pläne dazu. Sollte das Ruruhaus so bunt bleiben?

Die Fassade des Ruruhauses ist nun ein wertvolles Stück Zeitgeschichte. Sie könnte ein Symbol wie der Himmelsstürmer vor dem Kulturbahnhof oder andere documenta-Kunstwerke werden. Es tut der Innenstadt gut, Kunst und Malerei zu haben. Das sieht man auch an der Fassade der Treppe 4 in der Treppenstraße. Das Bild, das wir dort mit dem Kollektiv Britto Arts Trust gestaltet haben, hat den Raum total gewandelt und eine andere Atmosphäre geschaffen.

Wie war es, das Wandgemälde an der Treppe 4 gemeinsam zu gestalten?

Ruangrupa haben uns mit mehreren Kollektiven bekannt gemacht. Eines davon war das Britto Arts Trust aus Bangladesch. Dort identifiziert man sich stark über Kino- und Filmkultur und traditionelles Rikscha-Painting. Gemeinsam mit der Treppe 4 und dem Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung als Auftraggeber haben wir das Konzept für das Gemälde entwickelt, das einen Filmstar, eine Sängerin und einen Kabarettisten aus Bangladesch zeigt sowie Heinz Erhardt, der in der Treppenstraße einst Filme drehte, und den Rapper Torch, der als Musiker auch für die Graffiti-Kultur bedeutend ist. Die Zusammenarbeit war ein kreativer Clash. Trotz der Sprachbarriere: Was uns vereint hat, war die Kunst.

Taring Padi gerieten diesen Sommer unfreiwillig in die Schlagzeilen wegen ihres antisemitischen Motivs auf dem Banner „People’s Justice“. Wie hat der Skandal die Zusammenarbeit beeinflusst?

Wir haben einen Workshop mit ihnen und Gästen in unserer Halle in der Erzberger Straße veranstaltet. Nach dem Eklat um ihr Banner wollten wir, dass sie eine weitere künstlerische Aussage treffen können. Entstanden ist ein Kunstwerk, das nicht abgebaut oder übermalt wird. In Führungen in der Public Art Gallery diskutieren wir nun das Werk und Inhalte der d15 sowie des Kollektivs.

Was konnten Sie von den Künstlerkollektiven aus der ganzen Welt lernen?

Auch wir funktionieren in Strukturen als Kollektiv. Wir entscheiden Dinge zusammen. Jeder übernimmt gegenseitig Aufgabenbereiche. Das ist bei den Kollektiven, die wir auf der documenta kennengelernt haben, ganz ähnlich. Überhaupt ist Kulturarbeit meistens ein kollektives Konzept. Es ist eine ultimativ gute Form, gemeinsam und auf Augenhöhe etwas Kreatives zu schaffen.

Mit KolorCubes veranstalten Sie auch Stadtrundgänge für Graffiti-Liebhaber, weil es mittlerweile zahlreiche Kunstwerke im öffentlichen Raum gibt. Was macht Kassel für Graffiti-Künstler so interessant?

Kassel hat viel Spielraum und viele legale Graffiti-Flächen. So sind auch zahlreiche Murals entstanden, also große Bilder von verschiedenen Künstlern kuratiert für Orte und Themen. Kassel ist hier sehr professionell geworden und international dafür bekannt.

Viele stellen sich unter Graffiti vor allem Künstler mit Sprühdosen vor, aber Sie malen ja auch mit Fassadenfarbe.

Das stimmt. Wenn wir ein Wandgemälde anfertigen, wird das zu 90 Prozent mit Pinsel, Rolle und Farbe gemalt. Anders funktioniert das in diesen Dimensionen gar nicht. Auch bei Workshops lassen wir die Teilnehmer häufig Wandmalerei mit dem Pinsel umsetzen. Mit dem Pinsel kann jeder malen, aber die Allerwenigsten können sprayen.

Kann man davon leben?

Es ist eine Mischkalkulation. Wir erarbeiten soziokulturelle Konzepte und betreiben kulturelle Stadtteilentwicklung. Wir arbeiten mit Kassel und anderen Städten zusammen, machen Konzepte für Gesellschaften und bearbeiten Privataufträge – Seit einem Jahr arbeiten wir am Seniorenzentrum in der Unterneustadt. Ein Gebäude wird komplett bemalt. Das Thema heißt: „Hundertwasser Lebenslinien“. Auch Senioren waren ganz praktisch an der Umsetzung beteiligt.

Welche Gebäudefassade in Kassel würden Sie unbedingt mal neu gestalten wollen?

Wichtiger als eine bestimmte Fassade ist das Wie. Es geht darum, dass wir frühzeitig in die Planungen und Prozesse einbezogen werden. Oft ist es so, dass sich Architekten, Stadtplaner und Ämter bei uns melden, wenn ein Bauprojekt bereits abgeschlossen ist. Die Verantwortlichen merken dann oft, dass noch etwas fehlt. Wenn wir von Anfang an eingebunden werden, ist es leichter, eine Identität für einen Ort mit zu erschaffen. (Matthias Lohr)

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