Amtsgericht verurteilt 48-Jährigen trotz Unschuldsbeteuerungen zu 15 Monaten Haft

Einbrüche am helllichten Tag

Kassel. Dem Angeklagten behagte das Urteil überhaupt nicht. So wenig, dass er während der Begründung immer wieder vernehmlich vor sich hin brummelte. „Ich hab trotzdem keinen Einbruch gemacht“, maulte er. Auch seine Freundin, die im Publikum saß, vermochte sich kaum mehr zu beruhigen. „So ein unfairer Richter!“, schäumte die Frau, nachdem ihr Lebensgefährte am Dienstag vom Kasseler Amtsgericht wegen zweier Wohnungseinbrüche zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Ohne Bewährung.

Eigentlich waren dem 48-Jährigen sechs Einbrüche vorgeworfen worden – begangen in bloß zehn Tagen im April. Stets am helllichten Tag und in fünf Fällen sogar, obwohl jemand zu Hause war. Immer waren die Wohnungstüren nicht abgeschlossen gewesen. Doch nach zwei Verhandlungstagen gaben Gericht und Staatsanwaltschaft auf und stellten vier der sechs Anklagevorwürfe ein. Denn Fingerabdrücke oder DNA-Spuren gab es keine, nur die Aussagen der Bewohner, die den Einbrecher auf frischer Tat ertappt und in die Flucht geschlagen hatten. Und von denen erkannte niemand den Angeklagten so klar wieder, dass darauf eine Verurteilung hätte gestützt werden können.

Auch der einzige Fall, in dem der Täter ungestört geblieben war (und so Schmuck im Wert von mehr als 26 000 Euro erbeutete), konnte damit nicht aufgeklärt werden. Der Angeklagte hatte sämtliche Vorwürfe rundheraus bestritten.

Dabei hatte er einmal, als er im Flur einer Studierenden-WG überrumpelt worden war, sogar seinen Personalausweis gezeigt. Doch das, beteuerte er, sei allenfalls Hausfriedensbruch: Er habe nichts klauen wollen, sondern lediglich jemanden gesucht, dem er kurz zuvor Geld für Drogen gegeben habe – und der in dem Haus verschwunden sei. „Ja, was soll ich sagen“, erklärte er in seinem Schlusswort. „Ich wollte tatsächlich nur ein bisschen Hasch kaufen.“

Das aber nahm ihm das Gericht nicht ab. Und es hielt auch einen zweiten Einbruch für erwiesen, ebenfalls in eine Wohngemeinschaft. Der Zeuge in diesem Fall nämlich hatte keinen Zweifel gehabt: „Er ist der Einbrecher.“ Dass der Student auf Fotos bei der Polizei noch einen ganz anderen Mann „zu 80 Prozent“ als Täter identifiziert hatte, störte das Gericht nicht. Es störte sich mehr am Gestus der verfolgten Unschuld, mit der sich der Angeklagte bis zuletzt umgab.

„Es ist ja nicht so, dass Sie noch nie vor einer geschlossenen Tür gestanden hätten, die dann hinterher offen war“, sagte Richter Leyhe. „Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht.“ Worauf er anspielte, waren die zahlreichen einschlägigen Vorstrafen des 48-Jährigen: Nur fünf Wochen vor den jüngsten Taten war der Mann zuletzt verurteilt worden – unter anderem wegen Einbruchsdiebstählen.

Von Joachim Tornau

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