Wegzug

Köln statt Kassel: Andreas Ernst kann nicht mehr ins Stadtparlament nachrücken

Andreas Ernst vor dem Karlsplatz in Kassel.
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Weg von Kassel, raus aus der Stadtpolitik: Andreas Ernst ist ins Rheinland gezogen. Das Foto zeigt ihn vor dem Karlsplatz in Kassel.

Als Nachrücker in die Stadtverordnetenversammlung für die Liste „Rettet die Bienen“ steht Andreas Ernst nicht zur Verfügung. Er lebt nicht mehr in Kassel.

Kassel – Andreas Ernst hat Ende 2019 die Koalition in Kassel zum Platzen gebracht. Aller Voraussicht nach hätte er die Möglichkeit, als Nachrücker wieder in die Kasseler Stadtverordnetenversammlung zu kommen. Dann nämlich, wenn Bernd Hoppe tatsächlich seine Haftstrafe antreten und sein Stavo-Mandat für die Liste „Rettet die Bienen“ niederlegen muss.

Andreas Ernst holte bei der Kommunalwahl 6240 Stimmen und damit das zweitbeste Ergebnis aller Bewerber der Bienen-Liste. Als Nachrücker steht er aber nicht mehr zur Verfügung, stellt Ernst auf Anfrage unserer Zeitung klar. Denn der Bienen-Kandidat hat die Fliege gemacht. Er hat Kassel bereits den Rücken zugekehrt – und damit auch der Politik in seiner Geburts- und Heimatstadt.

Schon im April, also kurz nach der Kommunalwahl am 14. März, hat es Andreas Ernst ins Rheinland verschlagen. Er habe eine neue berufliche Herausforderung bei einer Versicherung in Köln angetreten, berichtet der Diplom-Betriebswirt. Den Wohnsitz Kassel habe er aufgegeben, mit seiner Lebenspartnerin sei er in das Bergische Land gezogen.

Was macht eigentlich Andreas Ernst? Diese Frage stellte sich in politischen Kreisen nicht erst seit der erneuten Verurteilung von Hoppe. Schon vor der Wahl, im Grunde seit Bekanntgabe der Bienen-Liste, war Ernst nicht mehr in Erscheinung getreten, weil auf Abwegen.

Jetzt ist der 49-Jährige weg aus Kassel. Seine fast volljährigen Zwillingstöchter wohnten noch dort, berichtet er. Bei seiner Ex-Frau, der FDP-Stadtverordneten Manuela Ernst. Sonst aber habe er die Brücken nach Kassel bewusst abgebrochen, vor allem die in die Stadtpolitik. „Ich mache nichts Politisches mehr, und ich habe auch keine Lust mehr darauf.“

Andreas Ernst hat einen kurzen, turbulenten Weg als Mandatsträger hinter sich. Im Frühjahr 2016 war er als FDP-Stadtverordneter eingezogen. Nach dem Bruch mit Partei- und Fraktionschef Matthias Nölke machte er als Fraktionsloser weiter, sorgte dann mit seiner Stimme dafür, dass Rot-Grün eine Mehrheit zusammenbekam. Wegen des Streits um den geplanten Bau des documenta-Instituts auf dem Karlsplatz ging die Koalition Ende 2019 zu Bruch, weil Ernst den Beschluss nicht mittragen wollte. Die Zusammenarbeit war damit beendet. In der Folge und bis zum Ende der Wahlperiode raufte sich Ernst mit den von ihren Fraktionen geschassten Bernd Hoppe (Freie Wähler) und Jörg Hildebrandt (CDU) zur Fraktion „Wir für Kassel“ zusammen.

Nun also der Umzug in das Rheinland. Von 1993 bis 1997 habe er bereits in Nordrhein-Westfalen, in Aachen und Essen, gelebt, berichtet Ernst. Die Menschen seien dort anders als in Kassel, sie seien offener und lockerer. „Es geht mir gut“, sagt er.

Ohne den Wohnort Kassel scheidet Andreas Ernst als Stavo-Nachrücker aus. Das drittbeste Wahlergebnis auf der Bienen-Liste erzielte Petra Groß. Sie ist Mitglied des Behindertenbeirats und wurde 2008 für ihr Engagement für eine leichte Sprache und für die Rechte von Menschen mit Lernschwierigkeiten mit der Verdienstmedaille der Bundesrepublik ausgezeichnet.

Wann Groß in die Stavo nachrücken könnte, ist unklar. Wie berichtet hat Bernd Hoppe gegen das Urteil des Kasseler Landgerichts Revision eingelegt. Der 60-Jährige war am 8. Oktober zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten wegen gewerbsmäßiger Untreue und Steuerhinterziehung verurteilt worden. Über die Revision entscheidet der Bundesgerichtshof.

Die von Bernd Hoppe und Andreas Ernst zur Kommunalwahl 2021 gegründete Liste „Rettet die Bienen“ erhielt im März bei der Wahl zur Kasseler Stadtverordnetenversammlung insgesamt 77 703 Stimmen (1,86 Prozent). Die meisten Kandidaten-Stimmen der Liste holte Bernd Hoppe (7267), der damit erneut in die Stadtverordnetenversammlung einzog und dort seither als Fraktionsloser sitzt. Das zweitbeste Ergebnis der Bienen-Kandidaten erzielte Andreas Ernst mit 6240 Stimmen. Sollte der zu einer Haftstrafe verurteilte Hoppe tatsächlich aus der Stadtverordnetenversammlung ausscheiden müssen, stünde nach Stimmen also Ernst das Recht zu, in das Stadtparlament nachzurücken. Da Ernst aber seinen Wohnsitz nicht mehr in Kassel hat, würde Petra Groß als Bienen-Kandidatin mit den drittmeisten Stimmen (5916) als Nachrückerin zum Zug kommen.

(Andreas Hermann)

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