In den Kasseler Gefängnissen gibt es 120 Ausbildungsplätze – Ministerin zu Besuch

Eine Chance hinter Gittern

Vogelhäuschen der Azubis kommt gut an: Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (von links) überlegt, ob man die Stücke der Inhaftierten auch verkaufen könnte. Neben ihr stehen Hermann Kipper, Vorsitzender des Berufsbildungswerks, JVA-Leiter Rudi Nebe und Ausbilder Thomas Lumpe.

Kassel. Für den 23-jährige Patrick H. steht in diesem Jahr seine Abschlussprüfung an. Zwei Jahre lang hat er eine Ausbildung zur Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice gemacht. Das Besondere? Der 23-Jährige ist Insasse der Sozialtherapeutischen Anstalt (Sotha/Justizvollzugsanstalt Kassel II).

Eigentlich hat er zwei Drittel seiner Strafe bereits abgesessen, will vorerst aber noch nicht beantragen, dass die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird. „Ich will noch hier drinbleiben und meinen Abschluss machen“, sagt Patrick H. Für den jungen Mann ist es die erste Ausbildung. Eine Chance, künftig ein straffreies Leben zu führen.

„Die Aus- und Weiterbildung ist ein wesentlicher Beitrag zur Resozialisierung der Strafgefangenen“, sagt Rudi Nebe, Leiter der JVA Kassel II. Am Freitagmorgen empfing er Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann, um ihr die Ausbildungsstätten hinter Gittern zu zeigen. Die Ministerin brachte im Gegenzug 785 000 Euro an Landesmitteln für das Berufsbildungswerk „Dr. Fritz Bauer“ (BWB) mit. Der Verein ist seit 1987 in zahlreichen hessischen Gefängnissen für die beruflichen Bildungsmaßnahmen der Inhaftierten verantwortlich.

Zudem ist das Berufsbildungswerk Anfang des Jahres mit 180 000 Euro aus dem Europäischen Sozialfonds unterstützt worden. Durch dieses Steuergeld konnten im vergangenen Jahr Jahr 3330 Strafgefangene an schulischen und beruflichen Bildungsmaßnahmen in Hessen teilnehmen. Eine beeindruckende Zahl angesichts der rund 5000 Gefangenen, sagte Kühne-Hörmann.

120 Ausbildungsplätze stehen in den beiden Kasseler Gefängnissen in Wehlheiden zur Verfügung. Hier kann man zum Beispiel in den Bereichen Schweiß- und Metall-Technik, Bäcker, Elektronik und Garten- und Landschaftsbau ausgebildet werden.

Die Prüfungen werden - wie bei jedem anderen Azubi auch - von den Prüfungskommissionen der Handwerkskammer beziehungsweise der Industrie- und Handelskammer abgenommen.

60 Prozent mit Abschluss

Nach Angaben von Hermann Kipper, Vorsitzender des BWB-Fördervereins, schafften 60 Prozent der inhaftierten Azubis ihren Abschluss. Angesichts der „erheblichen Bildungsdefizite“, die viele Insassen hätten, so Nebe, sei diese Quote sehr hoch. Hinzu komme: Wer eine Ausbildung absolviert, erfährt auch ein soziales Training. Die Erfahrung zeige, dass Ex-Häftlinge, die eine Ausbildung in Haft machten, seltener rückfällig würden.

Kühne-Hörmann, die sich bei einem Rundgang einen Eindruck von der Ausbildung verschaffte, war besonders beeindruckt von einem Smoker-Grill, den der Inhaftierte Guido S. derzeit baut. Es ist das Meisterstück des 51-jährigen Häftlings. Drei Teile der Meisterprüfung habe er bereits bestanden. Guido S., bei dem Sicherungsverwahrung angeordnet worden ist, weiß nicht, wie lange er noch in der Sotha bleiben muss. „Ich habe aber mein Leben draußen geplant. Mit Arbeit.“ 

Hintergrund

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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