Mercedes-Benz-Ferienstadt Sternental lebt wieder auf

Eine Ferienstadt mit eigenem Geld und TV-Sender, mit Steuern und Restaurants

Stimmabgabe zur Bürgermeisterwahl: Die Kinder drängen sich um die Wahlurne. Zuvor hatten die elf Kandidaten engagierte Wahlkampfreden gehalten. Fotos: Koch

Kassel. Seit elf Jahren veranstaltet das Lkw-Achsenwerk von Daimler eine Ferienfreizeit. Teilnehmen dürfen nicht nur die Kinder der eigenen Beschäftigten, sondern auch befreundeter Betriebe.

In Sternental, jenem Städtchen auf Zeit, das das Mercedes-Benz-Achsenwerk in Kassel seit elf Jahren für jeweils zwei Wochen vor dem Werkstor aufbaut, geht es zu wie im richtigen Leben: Die Einwohner – Kinder von Werksangehörigen und von Eltern, die in anderen Unternehmen beschäftigt sind – gehen einer geregelten Arbeit nach, verdienen Sterntaler, zahlen Steuern. Den Rest des Geldes bringen sie zur Bank oder geben es in Geschäften, Lokalen, Restaurants und Freizeiteinrichtungen aus, lesen die eigene Zeitung und hören oder schauen das städtische Radio- und TV-Programm.

Und sie haben natürlich ein Rathaus, in dem seit gestern eine Bürgermeisterin dafür sorgt, dass alles läuft. Die wurde natürlich in geheimer Direktwahl bestimmt. Sidney Przywojski aus Schwebda bei Eschwege bestimmt eine Woche lang die Geschicke des Städtchens und ihrer 180 Einwohner. In der nächsten Woche beginnt in Sternental die zweite Ferienfreizeit mit 155 Kindern, und dann geht alles von vorne los – Bürgermeisterwahl inklusive. Auch 17 Flüchtlingskinder nehmen an den beiden Freizeiten teil.

Sidney jedenfalls überzeugte mit einer starken Wahlkampfrede und stach zehn Mitbewerber aus. Sie versprach die Erhöhung des Stundenlohns auf zehn Sterntaler, Volleyball- und Fußballturniere sowie eine Kinderdisko und Poolparty. Das kam an.

Für die pädagogische Leiterin der Mercedes-Benz-Freizeit, Sandra Struckmann (K Plus), ist die weitgehende Selbstbestimmung und -verwaltung der Kinder eine wertvolle Übung in direkter Demokratie. Gleichzeitig lernten sie auf spielerische Weise, dass man nur Geld ausgeben kann, das man zuvor über Steuern eingenommen hat. Gemeinsam mit Projektleiterin Aline Schreier und Nina Kotai (beide Daimler) sowie einem engagierten Team richtet Struckmann die Freizeit aus.

Sie ist vor allem für Kinder gedacht, deren Eltern in den Ferien keinen Urlaub nehmen können oder wollen. Und sie entlastet die Eltern während dieser Zeit. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist bei Daimler ein wichtiges Thema. Gerade in den Ferien ist es schwierig, geeignete Betreuungsangebote zu finden“, erklärte Mercedes-Benz-Werkleiter Ludwig Pauss anlässlich der Eröffnung.

Auch in diesem Jahr werden zahlreiche Workshops angeboten: Werksführungen, Besuche bei der Werksfeuerwehr, beim Zirkus Buntmaus und im Kinderbauernhof der Stadt, Technikseminare und vieles mehr. Einer der Höhepunkte ist der Nachbau des documenta-Kunstwerks des Künstlers Hiwa K. mit Kanalröhren vor der documenta-Halle. Die Kinder haben die Miniaturröhren unter Anleitung von Sascha Nelle zu Wohnmodulen umfunktioniert.

Etwa die Hälfte der Teilnehmer sind Mercedes-Benz-Kinder. Die Eltern der anderen Kinder sind bei Rheinmetall, Bombardier, RGM Expersite, Uni, und der Stadt Kassel beschäftigt.

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