50 Jahre Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

Eine Frau als neuer Bruder

Stehkragen statt Beffchen: Dietgard Meyer wurde 1963 erste Landespfarrerin für kirchliche Frauenarbeit. Das Foto entstand bei der Einweihung der Immanuelkirche. Zweiter von rechts ist Walter Nagel, damaliger Dekan in Kassel. Foto: Thiel/Landeskirchliches Archiv Kassel

Nun ist morgen also der entscheidende Tag für uns alle“, schreibt Vikarin Claudia Bader an ihre Kollegin Dietgard Meyer. Es ist der Vorabend des 8. Dezember 1961. Mit Spannung erwarten die beiden Vikarinnen den Ausgang der Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, die über ihren beruflichen Werdegang entscheiden sollte.

Es wurde ein guter Tag für die beiden Frauen: Das Gremium beschloss das richtungsweisende Kirchengesetz über das Amt der Pfarrerin, das vor 50 Jahren, am 1. Januar 1962, in Kraft trat: Seither werden Frauen zu Pfarrerinnen ordiniert und haben die Möglichkeit, ein Gemeindepfarramt zu übernehmen. Die erste Ordination von Frauen zu Pfarrerinnen fand am 1. April 1962 in Wolfhagen statt.

Eine Pfarrerin der ersten Stunde ist die Kasselerin Dietgard Meyer. Als erste Landespfarrerin wurde sie im November 1963 in ihr Amt eingeführt. Gänzlich gleichgestellt war die damals 41-Jährige ihren männlichen Kollegen allerdings nicht: Zwar habe sie den gleichen Lohn erhalten, im Falle einer Heirat aber hätte sie aus dem Amt ausscheiden müssen.

Vorurteile habe sie vor allem von Amtspersonen gespürt, kaum aber von einfachen Gemeindemitgliedern, erinnert sich die 89-Jährige, die ihr Leben lang ledig blieb. Ihre männlichen Kollegen haben sie mitunter als „Bruder Meyer“ bezeichnet. Als despektierlich oder frauenfeindlich habe sie das nicht empfunden, sondern vielmehr als Ausdruck der Anerkennung. Doch eben diese mussten sich die ersten Pfarrerinnen erarbeiten: „Frauen mussten besser sein“, sagt Dietgard Meyer.

Die restlose Gleichstellung der Pfarrerinnen der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck folgte erst 1980. Seither hat der Beruf zunehmend an Attraktivität gewonnen. Gab es 1963 acht Pfarrerinnen, so liegt ihr Anteil heute bei 38 Prozent: Im Jahr 2010 taten 383 Pfarrerinnen ihren Dienst in der Landeskirche. (abe)

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