Am Staatstheater Kassel wurde erstmals ein Stück für Hörgeschädigte aufgeführt

Eine Gebärde für „Anne“

Die Gebärde („Anne Frank“) ist Programm: Bei der Aufführung für die hörgeschädigten Schüler übersetzte die Gebärdendolmetscherin Katarina Klante (links) Gedanken und Worte der von Schauspielerin Sabrina Ceesay (rechts) verkörperten Anne Frank. Fotos: Malmus

Kassel. Sabrina Ceesay lächelt. Gerade wurde sie für ihren Auftritt als Anne Frank im gleichnamigen Theaterstück gelobt. Sie sei eine fantastische Schauspielerin, schaffe es auch ohne Schauspielerkollegen, die anderen Personen im Hinterhaus an der Prinsengracht 263 (Anne-Frank-Haus in Amsterdam) mitsprechen zu lassen. Doch an diesem Vormittag ist sie zum ersten Mal gar nicht die Einzige auf der Bühne im tif. Etwas abseits steht Katarina Klante, von der diesmal der Erfolg der Aufführung abhängt.

Klante ist Gebärdendolmetscherin und im Publikum sitzen hörgeschädigte Schüler der Hermann-Schafft-Schule aus Homberg (Efze), einer Schule mit den Förderschwerpunkten Hören und Sehen. „Ich weiß von keinem, der vorher schon mal ein Theaterstück besuchen konnte“, sagt Schulleiter Dietmar Schleicher. Er ist begeistert von der Vorstellung und ihrer technischen Umsetzung.

Simultanübersetzung

Die Schüler können Klantes Gebärden simultan auf einer Leinwand über der Bühne verfolgen, für diejenigen mit Hörgeräten klebt ein Funkmikrofon an Sabrina Ceesays rechter Wange, das ihre Worte über Lautsprecher verstärkt wiedergibt. „Ich musste mich auf die Lage des Mikros konzentrieren und war dadurch etwas unfreier “, sagt Ceesay. An die Dolmetscherin habe sie sich aber nach einer Zeit gewöhnt.

Die Schüler bekommen von derlei Schwierigkeiten nichts mit. Sie interessiert vielmehr die Geschichte von Anne Frank, für die sie mit der Dolmetscherin eine eigene Gebärde abgemacht haben, und deren Geschichte sie durch einen Workshop näher kennengelernt haben.

Dass die rund 90-minütige Vorstellung zur Zufriedenheit aller über die Bühne gegangen ist, ist auch Theaterpädagoge Thomas Hof zu verdanken. Er hat an der Schafft-Schule vor anderthalb Jahren ein Theaterprojekt über Mobbing geleitet. „Damals bin ich nach Angeboten für Hörgeschädigte gefragt worden, doch die gab es am Staatstheater bis dato nicht. Also bin ich zu Dieter Klinge gegangen.“ Der Leiter des Kinder- und Jugendtheaters war der Idee sehr aufgeschlossen. Seine Ein-Personen-Inszenierung von „Anne Frank“ eignete sich perfekt für eine Pilotaufführung.

Alle Beteiligten wünschen sich nun eine Fortsetzung. Am meisten aber die Schüler.

Von Paul Bröker

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