Grande Dame Kassels: Anneliese Hartleb feiert ihren 90. Geburtstag

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Dichterfürst als Vorbild und Passion: Die Werke Goethes sind allgegenwärtig in Anneliese Hartlebs Kichditmolder Haus.

Kassel. Die zierliche Dame steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wo immer sich das gesellschaftliche und kulturelle Kassel versammelt: Auch im 90. Lebensjahr, das sie heute vollendet, lässt Anneliese Hartleb kaum eine wichtige Veranstaltung aus.

Dass sie dabei auf die meisten Anwesenden wie ein Fixstern wirkt, hat nicht allein damit zu tun, dass sie mit eleganten Hüten, stets perfekter Frisur und geschmackvoller Garderobe wie keine andere das klassische Damen-Ideal repräsentiert.

Vielmehr ist sie noch in hohem Alter eine Virtuosin darin, für vielerlei soziale und kulturelle Anliegen die richtigen Menschen zusammenzubringen und zu begeistern. Wer in der Stadt wirklich etwas zu sagen und zu gestalten hat, der hört auf Anneliese Hartleb, lässt sich ein auf ihren ebenso charmanten wie beharrlichen Anschub, der mit einer unwiderstehlichen Mixtur aus Geistes- und Herzensbildung und zuweilen auch rustikalen Kasseläner Einsprengseln vorgetragen wird.

Großes Pensum an Terminen

Dafür mutet sie sich noch immer ein Terminpensum zu, das manchem Stadtrat oder Firmenlenker zur Ehre gereichen würde. Für sie sei „jeder Tag wunderbar ausgefüllt mit geistigen Anregungen und Tätigkeiten“. Anders, so sagt sie, könne sie sich ihr Leben nicht denken.

„Frau Goethe“ wird Anneliese Hartleb liebevoll genannt, seit sie die Kasseler Goethe-Gesellschaft im Lauf von 28 Jahren als Geschäftsführerin zur mitgliederstärksten Vereinigung ihrer Art machte. „Denken und Tun, Tun und Denken, allein das ist der Weisheit Schluss“ – getreu diesem Spruch des Dichterfürsten ist sie ihren Lebensweg gegangen, der nicht frei von Schicksalsschlägen war.

Nach Krieg und Evakuierung musste sie den Tod ihres Mannes und später auch den ihres Lebensgefährten Arthur Fandrey verkraften. Auch ihren Vater verlor sie früh, daher war ihr, der von Kind auf musisch und kulturell Interessierten, ein Studium nicht vergönnt. Damals konnte niemand ahnen, dass sie einmal zur Mitbegründerin der Universität Kassel („meiner ganz großen Liebe“) werden und über einen von ihr geschaffenen Fonds junge Germanisten fördern würde.

Nach einer kaufmännischen Lehre schlug Anneliese Hartleb die Journalistenlaufbahn ein, zu ihrem prägenden Wirkungsfeld aber wurde der Einsatz fürs städtische Kulturleben. Neben der Goethe-Gesellschaft wirkte sie im Internationalen Frauenclub, beim Museumsverein und im Vorstand der Komödie, sie half, die Volksbühne und das Literaturhaus aus der Taufe zu heben – ihre Ehrenämter sind ebenso zahlreich wie die hohen Auszeichnungen, mit denen sie für ihr Engagement bedacht wurde.

Bei all dem gilt ihre besondere Fürsorge noch immer stets jenen, die ganz persönlich Trost, Unterstützung oder einfach praktische Hilfe nötig haben. So treibt es die Neunzigjährige um, dass ihre geliebte Uni mit mittlerweile 22 000 Studierenden aus allen Nähten zu platzen scheint: „Ich glaube“, überlegt sie beim Rundgang durch ihr geräumiges Haus, „ich sollte eine junge Studentin bei mir aufnehmen.“

Jüngster Gratulant aus dem Familienkreis der Jubilarin (zwei Söhne, vier Enkel und drei Urenkel) ist der erst vor vier Wochen geborene Leo.

Geburtstagsempfang am heutigen Samstag ab 11 Uhr in der Mensa der Ingenieurschule, Wilhelmshöher Allee 73.

Von Axel Schwarz

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