„Es war eine heiße Zeit“: Prof. Ernst Ex-Uni-Präsident Ulrich von Weizsäcker im Interview

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Ganz privat: Der damalige Uni-Präsident Ernst Ulrich von Weizsäcker zeigte sich unserem HNA-Fotografen 1978 auf dem Rad unterwegs in Kassel.

Kassel. Die frühere Reformhochschule GhK hat Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker in seiner Zeit als Gründungspräsident mit geprägt. Wir sprachen mit ihm darüber.

Welcher Geist herrschte an der GhK, als Sie 1975 das Präsidentenamt übernahmen?

Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker: Aufbruchsstimmung Aber weil der Aufbruch kühn war, gab es auch erbitterten Streit.

Welchen Inhalts?

Weizsäcker: Es war eine heiße Zeit. Dabei ging es beispielsweise um die Frage sozialistischer Elemente im pädagogischen Hochschulkonzept oder darum, ob Professoren auch Assistenten haben dürfen. Oder ob man in einem Fachbereich praktisch nur Einsen als Noten geben durfte und ob Berufungskommissionen kompetent zusammengesetzt waren. Mit den Studierenden gab es mal Streit wegen einer Ausstellung mit geschmacklosen Bildern und mal deshalb, weil Studenten nachts den Steinboden in einem Gebäude aufgebrochen hatten, um dort eine grüne Pflanze einzusetzen.

Welche Reaktionen erfuhren Sie aus Kassel und der Region?

Weizsäcker: Stadt und Region waren stolz auf die erste Uni in Nordhessen. Kritiker fanden den Kurs allerdings politisch zu links.

Was hat Sie daran gereizt, an eine Reformhochschule zu gehen?

Weizsäcker: Stellen Sie sich vor, man bietet Ihnen an, eine Reformhochschule zu leiten, Sie sind erst 36 und erst seit drei Jahren Professor und haben eine blühende Fantasie, was man am verkrusteten Hochschulsystem alles verbessern müsste. Da sagen Sie doch nicht Nein!

Was haben Sie in Ihrer Amtszeit bewirkt?

Weizsäcker: Misslungen ist der Versuch, den fundamentalen Streit zu überwinden. Das haben später die Uni-Präsidenten Prof. Brinckmann und Prof. Postlep viel besser hingekriegt. Ich habe versucht, die Ingenieurwissenschaften auf ein gutes Niveau zu bringen, die interdisziplinäre Forschung zu stärken und ökologische Akzente zu setzen.

Zum Beispiel wurde damals in Witzenhausen der erste Lehrstuhl für ökologische Landwirtschaft im deutschsprachigen Raum eingerichtet. Das galt damals als tollkühn, später haben es die alten Unis zähneknirschend nachgemacht.

Wie hat es Ihnen in der Stadt Kassel gefallen?

Weizsäcker: Großartig. Erst lebte unsere kinderreiche Familie in einem alten Haus unten am Königstor, später hatten wir ein paradiesisches Häuschen am Brasselsberg. Wir hatten das Glück, wunderbare Freunde zu haben. Wir haben eine spannende documenta erlebt mit Joseph Beuys und seiner Honigpumpe. Ich hatte hervorragende Beziehungen zu Oberbürgermeister Hans Eichel, und ich fand die aufmüpfigen Studenten erfreulich und erfrischend - trotz manchem Krach, den es natürlich gab.

Was bleibt Ihnen in Erinnerung an Ihre Zeit als Präsident?

Weizsäcker: Große Dankbarkeit, dass hessische Steuerzahler den Aufbau finanziert haben und dass so viele Menschen einen viel zu jungen und streitbaren Präsidenten fünf Jahre lang ertragen haben. (bea)

Zur Person:

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker ist ein Sohn des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker und Neffe des Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Geboren 1939 in Zürich, studierte er Physik in Hamburg und Biologie in Freiburg/Breisgau. 1972 nahm er den Ruf nach Essen als Professor für Biologie an. Von 1975 bis 1980 war er Präsident der Uni Kassel. 1981 wurde er Direktor des UNO-Zentrums für Wissenschaft und Technologie in New York; 1984 Direktor des Instituts für Europäische Umweltpolitik; 1991 Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

1998 wurde er in Stuttgart für die SPD in den Bundestag gewählt. Von 2006 bis 2008 leitete er die kalifornische Umwelthochschule in Santa Barbara. Seit 2009 lebt er in Emmendingen und koordiniert das Internationale Ressourcen-Panel der UNO. Weizsäcker ist verheiratet mit Christine von Weizsäcker und hat fünf Kinder und sieben Enkel.

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