Eine Liebeserklärung an das gestohlene Fahrrad

Nach Diebstahl: Wie Teresa Apitz den Verlust ihres Mountainbikes verarbeitet hat

Plötzlich war das geliebte Fahrrad weg: Teresa Apitz hat nur noch das aufgebrochene Schloss als Andenken.
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Plötzlich war das geliebte Fahrrad weg: Teresa Apitz hat nur noch das aufgebrochene Schloss als Andenken.

Als Teresa Apitz aus Kassels Vorderem Westen kürzlich mitbekam, dass ihr Mountainbike gestohlen wurde, war der Ärger groß: Zwölf Jahre hatte sie das Rad, mit dem sie überall hinfuhr: zum Bahnhof, zum Einkaufen.

Kassel - „Ich habe damit alle möglichen Wege erledigt“, sagt Teresa Apitz. Und plötzlich war es verschwunden. Einfach weg. Geklaut. Die 26-Jährige gehört damit zu den vielen Opfern von Raddiebstählen in Kassel. Allein im vergangenen Jahr wurden in der Stadt 759 Diebstähle von Fahrrädern und E-Bikes angezeigt, die Zahl ist steigend. Oft ist es so wie bei Teresa Apitz: Das Rad wird geklaut, obwohl es ordnungsgemäß verschlossen war. Das Schloss hat Teresa Apitz sogar noch, allerdings ist es jetzt durchtrennt. Ein Andenken an das gestohlene Rad.

Den Ärger über die Tat verarbeitete die Mitarbeiterin eines Tochterunternehmens von B. Braun auf ihre Art. Immer mal wieder schreibt sie kleine Texte, häufig im Zug, wenn sie zur Arbeit fährt. So teilt die Kommunikationswirtin ihrer Familie und ihren Freunden mit, was sie gerade beschäftigt.

Nun machte sie den Raddiebstahl zum Thema und verfasste eine „Ode an mein Fahrrad“, wie sie das Stück nennt – eine kleine Liebeserklärung an einen treuen Begleiter. Ihre Oma war danach so gerührt, dass sie es an die Zeitung schickte. Das Rad wird so wahrscheinlich nicht mehr wiederkommen – trotz Anzeige, trotz Ermittlungen. Aber immerhin hat sich Teresa Apitz den Ärger vom Leib geschrieben – und ihr Text zeigt, was der Verlust eines Rades an Emotionen auslösen kann. Teresa Apitz will sich nun ein neues Fahrrad kaufen, sehr wahrscheinlich ein gebrauchtes – und vor allem: „drei Schlösser“. (Florian Hagemann)

Und das also ist ihre kleine Liebeserklärung an ihr Fahrrad:

Vor allen Dingen wegen deiner schönfarbigen Rahmenbedingungen habe ich dich damals ausgewählt. Wenn ich dich beschreibe, denke ich daran, dass auf dich immer Verlass war. Wir waren genau aufeinander abgestimmt. Ob der Bürgersteig nun eigentlich zu hoch zum Überfahren war oder der schnelle Wechsel in einen neuen Gang andere deiner Art überfordert hätte. Du hast mich gut verstanden und konntest mit mir umgehen. Und ich habe dich liebevoll angesehen, sobald ich dich wiedergefunden hatte. Manchmal warst du über Nacht an einem anderen Platz. Aber irgendwie haben wir uns dann doch wieder gefunden.

Ich hatte dir ein Schloss geschenkt, das hat bestimmt auch dabei geholfen, dass wir so lange zusammen durchs Leben gefahren sind.

Mit dir bin ich vor unsympathischen Menschen weggeradelt und zu tollen Menschen hingerast, von Schulprüfungen freudestrahlend in die Freiheit gefahren und morgens haben wir den Berg zur Schule erklommen.

Jetzt hat jemand unsere Ketten gelöst, das war von unseren beiden Seiten nicht gewünscht. Auf den Bikeportalen wirst du jetzt vielleicht an irgendjemanden vermittelt. Doch deinen wahren Wert kenne nur ich. Deine Besitzerin

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