Coronavirus

„Eine Serie von Fußtritten für Hausarztpraxen“: Weniger Biontech für Allgemeinmediziner sorgt für Frustration und Chaos

Weniger Biontech für Hausärzte: Nur noch 30 Impfdosen soll jeder Allgemeinmediziner pro Woche zur Verfügung gestellt bekommen.
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Weniger Biontech für Hausärzte: Nur noch 30 Impfdosen soll jeder Allgemeinmediziner pro Woche zur Verfügung gestellt bekommen.

Nur noch 30 Impfdosen Biontech bekommt jeder Hausarzt pro Woche zur Verfügung gestellt. Das geht aus einem Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums vom Freitag hervor.

Kassel – Für die Hausärzte in Stadt und Landkreis Kassel bedeutet das: noch mehr Arbeit. „Das ist ein Unding“, sagt Roland Leister, Allgemeinmediziner in einer Gemeinschaftspraxis in Fuldatal. Bereits bis Ende Januar habe das Praxisteam Impftermine vergeben.

„Alle Leute abzutelefonieren, schaffen wir nicht. Unser Personal ist am Ende“, sagt Leister. „Die Kommunikation mit der Bundesregierung ist unterirdisch.“

Die Patienten hätten sich über die zahlreichen Impftermine gefreut. „Wir haben es gut organisieren können“, sagt Leister. Er sieht das Problem nicht darin, dass seine Patienten den Moderna-Impfstoff ablehnen könnten.

„Die Aufklärungsarbeit dauert zu lange. Wir müssen nachfragen, ob wir Patienten auch mit Moderna impfen dürfen. Viele werden Fragen haben“, sagt er. Diese Zeit habe das Praxisteam nicht.

Auch die Fuldabrücker Hausarztpraxis von Christine Frankman und Martin Arend hat bis Weihnachten eigentlich bereits 400 Impfungen mit Biontech geplant. „Eine so kurzfristige Entscheidung ist nicht hinnehmbar. Ich war fassungslos am Freitagabend“, sagt Arend.

Unternehmen werden beide Praxen vorerst nichts. „Wir werden erst mal niemandem absagen“, sagt Roland Leister. Auch Martin Arend wartet ab. „Es ist so viel los, wir hätten eh keine Zeit, die Patienten abzutelefonieren.“

Beide hoffen, dass die Bundesregierung ihren Fehler einsieht und wieder mehr Biontech zur Verfügung stellt.

Auch Peter Fleischmann, Allgemeinmediziner in Kassel, sagt: „Neben unserem Kerngeschäft, der Behandlung von kranken Menschen, ist es nicht machbar, alle Patienten vorab zu informieren.“

Er befürchtet, dass man die Menschen also erst an ihrem Impftermin mit dem Impfstoff-Wechsel konfrontieren könne.

Der Hausärzteverband Hessen fordert in einer Resolution an die Bundesregierung, alle verfügbaren Dosen Biontech bevorzugt in die Arztpraxen zu liefern.

„Wir wehren uns dagegen, dass unsere Praxisteams immer wieder die Planungsfehler der Politik ausbaden müssen“, teilt Armin Beck, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Hessen, in einer Pressemitteilung mit.

Christoph Claus, Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbandes in Kassel, sagt: „Wir haben unseren Patienten Biontech zugesagt. Es geht auch darum, dass wir unser Versprechen einhalten wollen. Die Menschen vertrauen uns.“

„Die Hausarztpraxen haben in den Wintermonaten wegen der Erkältungszeit so schon viel zu tun. Die Überstunden häufen sich, in vielen Praxen ist die Stimmung miserabel“, sagt Claus.

Auch Peter Fleischmann sagt: „Viele Praxen sind am Ende mit den Nerven und denken darüber nach, sich komplett aus dem Impfen zurückzuziehen.“

Der Hessische Hausärzteverband kritisiert das ständige Hin und Her. „Es ist eine Serie von Fußtritten für die Hausarztpraxen“, beschreibt Christoph Claus die aktuelle Situation. Langjährige Mitarbeiter würden kündigen.

„Die Leute können einfach nicht mehr“, sagt Claus. Es sei ein generelles Problem der Wertschätzung. Auch die Corona-Prämie gehe an den Medizinischen Fachangestellten in den Hausarztpraxen vorbei, kritisiert Christoph Claus. (Anna Weyh)

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