Eine Spur der Verwüstung: Vor fünf Jahren fegte Kyrill über die Region

Kassel. Als der Orkan Kyrill im Januar 2007 über die heimischen Wälder fegte, hinterließ er eine Spur der Verwüstung. Geschätzte 100 000 Bäume hat der Wind umgeblasen. Fünf Jahre später fällt die Schadensbilanz der Forstfachleute überraschend aus.

„Wir hatten noch nie so viele Baumarten im Habichtswald, für die gesunde Mischung war Kyrill ein Beschleuniger“, sagt Uwe Zindel, der Leiter des für Kassel zuständigen Forstamtes Wolfhagen.

Kyrill habe in erster Linie in reinen Fichtenschonungen gewütet. „Der Sturm hat vorweggenommen, was wir ohnehin vorhatten“, sagt sein Stellvertreter Theo Arend. Ziel sei es, den Habichtswald zu einem sturmfesten und auch ansonsten robusten Mischwald zu machen. Nur so könne man den Unwägbarkeiten durch Klimaveränderungen entgegenwirken.

Dabei geht es nicht nur um die sich häufenden Orkane - nach Kyrill kamen noch Emma (2008) und Xynthia (2010) -, sondern auch um die zunehmende Trockenheit. „In den vergangenen Jahren war das Frühjahr und damit die Vegetationsphase extrem niederschlagsarm und sehr warm“, sagt Theo Arend.

Fast eine Million junge Bäume haben die Forstleute in den vergangenen fünf Jahren nachgepflanzt. Insbesondere die Buche gehört zu den Gewinnern des orkanbedingten Kahlschlags. Sie ist aber nur eine von insgesamt 57 Baumarten im Habichtswald: Bergahorne, Kirschen, Eichen und Elsbeeren, aber auch robuste Nadelbäume wie Douglasien und Tannen gehören dazu. Fünf Jahre nach Kyrill sind die Schäden weitgehend beseitigt. Junge Bäume erobern die Windwurfflächen.

Der Wald hat sich erholt und wird zunehmend auch zum Wirtschaftsfaktor. Holz ist nicht nur als Brennstoff oder für die Möbel- und Bauindustrie interessant. „Mittlerweile wird aus der Buche sogar feine Baumwolle für Unterwäsche gemacht“, sagt Uwe Zindel.

Von Thomas Siemon

Erinnerungen an Kyrill

Mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde fegte der Orkan Kyrill im Januar 2007 über Kassel und das Umland hinweg. Diese Spitzengeschwindigkeiten wurden in den Höhenlagen gemessen. Doch selbst im relativ geschützten Stadtgebiet sorgte Kyrill mit bis zu 115 Kilometern pro Stunde für Zerstörungen. Dächer wurden abgedeckt, Bäume fielen um und der Bahnverkehr war komplett eingestellt. Wir dokumentieren den dramatischen 18. Januar 2007.

8 Uhr, Herkules. Kein Bauarbeiter in Sicht. Das Gerüst bleibt leer. Zu gefährlich für die Männer, in dieser Höhe, bei diesem Wind zu arbeiten. Das Gerüst selbst hält Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometer pro Stunde stand. Deshalb wird es nicht speziell gesichert.

10 Uhr. Die ersten Schüler werden nach Hause geschickt. Das Hessische Kultusministerium hatte den Schulen zuvor freigestellt, sturmfrei zu geben. Auch Kindergärten werden früher geschlossen.

10 Uhr, VW-Werk. Die Werksicherheit trifft Vorsorge, verstärkt Brandschutzzentrale und Werkfeuerwehr.

11 Uhr. Mit zusätzlichen Bussen und Bahnen werden Schüler nach Hause gebracht.

13 Uhr. Ab sofort gilt für Kassel Unwetterwarnung wegen orkanartiger Böen. Damit hat der Deutsche Wetterdienst die zweithöchste Warnstufe verhängt.

14 Uhr. Die Mitarbeiter der Kreisverwaltung und des Rathauses Baunatal machen Feierabend. Auch der Aqua-Park in Baunatal wird geschlossen.

Fotos: Die Sturmschäden des Orkans Kyrill in der Region

Die Sturmschäden des Orkans Kyrill aus dem Jahr 2007 in der Region

15.45 Uhr, zwischen Wattenbach und St. Ottilien. Auf der Straße, die durch den Wald führt, landen die ersten Fichten. Sie haben dem starken Wind nicht standgehalten. Die Fahrbahn ist gesperrt.

16 Uhr. Die Feuerwehr wartet auf Meldungen der westfälischen Leitstellen: Wenn dort die ersten Einsätze gemeldet werden, beginnt der Sturm in Kassel eine Stunde später.

18.09 Uhr, IC-Bahnhof Wilhelmshöhe. Immer mehr Züge des Fernverkehrs fahren nicht mehr. Andere haben 30, 40, 50 Minuten Verspätung.

18.32 Uhr. Eine zehn Meter hohe Tanne ist an der Orffstraße in Vellmar auf ein Haus gekracht.

18.39 Uhr. Alarm auf der A  44, Dortmund Richtung Kassel, Höhe Bergshäuser Brücke: Ein Baum liegt auf der Fahrbahn, die muss voll gesperrt werden.

18.50 Uhr, Leitstelle der Kasseler Feuerwehr. Die Freiwilligen Feuerwehren des Landkreises Kassel und das Technische Hilfswerk (THW) werden in Einsatzbereitschaft versetzt.

19.15 Uhr. Gerade als die Straßenbahn von der Fünffensterstraße auf die Frankfurter Straße abbiegt, knickt eine Böe die Ampel um, unter der die Bahn durchrollt. Die Ampel beschädigt dabei den Stromabnehmer. Die Bahn bleibt stehen. Der Verkehr auf dieser Linie ist unterbrochen. Busse fahren ersatzweise.

19.30 Uhr. Der Stab, der in Krisensituationen die Einsätze der Feuerwehr- und Rettungskräfte koordiniert, nimmt seine Arbeit auf.

19.44 Uhr. Im Gewerbegebiet Baunatal-Rengershausen hebt der Sturm das Dach einer Halle an. Sie fliegt einige Meter und kracht auf mehrere Lastwagen.

20.02 Uhr. Der Funkverkehr der Leitstelle mit dem Landkreis bricht zusammen, die Gemeinden müssen nun selbst ihre Einsätze koordinieren.

21.15 Uhr, IC-Bahnhof Wilhelmshöhe. Züge werden abgestellt, in denen die 300 wartenden Reisenden Platz nehmen, sich aufwärmen können. Das Rote Kreuz verteilt Lebensmittel und Getränke.

Mitternacht. Bis zum frühen Morgen gibt es immer wieder Meldungen über entwurzelte Bäume und heruntergefallene Dachziegel. Feuerwehr und Polizei verzeichnen 400 Einsätze. (tos/abg)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.