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Timon Gremmels und die tägliche Gratwanderung in Berlin

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Von: Florian Hagemann

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Nah am Bundestag: Der Kasseler Abgeordnete Timon Gremmels steht an der U-Bahn-Haltestelle Bundestag, die sich direkt am Reichstag befindet.
Nah am Bundestag: Der Kasseler Abgeordnete Timon Gremmels steht an der U-Bahn-Haltestelle Bundestag, die sich direkt am Reichstag befindet. © Florian Hagemann

Was machen die Bundestagsabgeordneten aus Kassel eigentlich in Berlin? Wir stellen sie und ihre Arbeit vor. Zu Besuch in der Hauptstadt – heute bei Timon Gremmels von der SPD.

Berlin – Ein Abend in der Hessischen Landesvertretung, die sich zwischen Reichstag und Potsdamer Platz befindet. Es steht das Treffen der hessischen SPD-Abgeordneten an, die zusammen eine Landesgruppe bilden und regelmäßig zusammenkommen. Timon Gremmels ist als Erster da – trotz der Erfahrung, die er als Nutzer des Bundestagsfahrdienstes mal wieder machen musste: Es ist kein Vergnügen, sich im Auto durch den Berliner Feierabendverkehr zu bemühen. Es dauert alles sehr lange. Aber Laufen war in diesem Fall keine Alternative.

Gremmels ist schwer bepackt mit Materialien und Geschenken für die Abgeordneten, die zuletzt Geburtstag hatten. Es liegt an ihm, sie zu ehren. Seit dieser Legislaturperiode hat der Niestetaler den Vorsitz der Landesgruppe inne. So führt er durch den Abend, an dem mit Rolf Mützenich auch der Fraktionsvorsitzende zu Gast ist und Hintergründe zur aktuellen Politik erläutert.

Für Gremmels ist das einer von mehreren Terminen und der Abschluss eines normalen Tages in Berlin, der daraus besteht, von Treffen zu Treffen zu eilen, von Sitzung zu Sitzung. Er hat gelernt, damit umzugehen. Seit fünf Jahren ist der 46-Jährige jetzt Kassels direkt gewählter Abgeordneter im Bundestag und damit einer der Erfahreneren in der SPD-Fraktion, die aus vielen Jüngeren besteht. Gremmels rät den Neuen gern, sich die Kräfte einzuteilen und nicht jede Abendveranstaltung im Regierungsviertel zu besuchen. Der Politikbetrieb schläft ja fast nie.

Er selbst hat beschlossen, nicht überall hinzugehen und auch mal abzuschalten. Dabei hilft ihm eine Erkenntnis aus seiner ersten Legislaturperiode: „Ich gehe in manche Debatte nicht mehr so aufgeregt hinein, weil ich weiß, dass die Kollegen auch nur mit Wasser kochen.“

Das Regierungsviertel nennt Gremmels einen Mikrokosmos, in dem auch er sich bewegt, wenn er nicht in seinem nordhessischen Wahlkreis ist. Dieser Mikrokosmos hat längst ein Eigenleben entwickelt, und er nennt es eine Gratwanderung, sich darin aufzuhalten. Auf der einen Seite gelte es, nicht abzustumpfen vom politischen Betrieb, auf der anderen Seite heiße es aber auch, nicht alles an sich heranzulassen: „Die richtige Mischung zu finden, ist eine tägliche Herausforderung.“

Zumal in diesen Zeiten. Als Gremmels erstmals in den Bundestag gewählt wurde, war die Welt noch eine andere. Da war Corona nur ein Bier. Jetzt wird selbst die Pandemie thematisch überlagert vom Krieg in der Ukraine. „Wir sind im ständigen Krisenmodus“, sagt Gremmels. „Es ist nicht gut, dass die Krise die Konstante ist.“

Er ist mittendrin, zumindest wenn es darum geht, der Energiekrise Herr zu werden. Der Nordhesse sitzt im Ausschuss für Klimaschutz und Energie, zudem ist er als Energiepolitiker Mitglied im Beirat der Bundesnetzagentur. Wenn er über die Arbeit auf diesem Gebiet redet, dann spricht er von einer riesen Verantwortung. Er bekommt die Sorgen der Menschen in diesen Zeiten spätestens dann direkt mit, wenn er nach den Sitzungswochen den Mikrokosmos in Berlin verlässt und wieder in seine Heimat reist – in seinen Wahlkreis, den er für mindestens genauso relevant hält wie die Arbeit in Berlin.

Bei all den Krisen, die sich mittlerweile ergeben, ist eins im Vergleich zu seiner Anfangszeit als Abgeordneter in der Hauptstadt gleich geblieben: „Es ändert sich alles sehr schnell.“ Vor zwei Jahren war die SPD noch abgeschrieben, jetzt stellt sie die stärkste Fraktion. Die hessische Landesgruppe hat 15 Abgeordnete. „Sie ist von den mittleren Landesgruppen die größte“, sagt Gremmels. Ein Werbefachmann hätte es nicht besser formulieren können.

Also ist Gremmels der Vorsitzende der größten aller mittleren Landesgruppen. Nicht alle seine Kollegen sind heute zum Treffen in die Hessische Landesvertretung gekommen, aber doch einige. Gremmels ist zufrieden mit dem Abend. Es ist jetzt 21 Uhr. Zeit, um nach Hause zu fahren und ein bisschen abzuschalten. (Florian Hagemann)

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