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Junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen leben zusammen: Eine ziemlich normale WG in Kassel

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Sie stehen auf Inklusion und wollen Selbstbestimmung: Detlef Siebert (von links), Vorsitzender des Vereins, Bewohner Mehmet, Melanie Vallino und Nadine Klär-Cheshire (beide Pflege Arche), Bewohnerin Lisa mit ihrer Mutter Sybille Pfromm, Annika de Vries (Teamleitung „Mein Weg“), Bewohnerin Lara und Johannes Otto (Mini-Jobber) auf dem Balkon der Wohngemeinschaft.
Sie stehen auf Inklusion und wollen Selbstbestimmung: Detlef Siebert (von links), Vorsitzender des Vereins, Bewohner Mehmet, Melanie Vallino und Nadine Klär-Cheshire (beide Pflege Arche), Bewohnerin Lisa mit ihrer Mutter Sybille Pfromm, Annika de Vries (Teamleitung „Mein Weg“), Bewohnerin Lara und Johannes Otto (Mini-Jobber) auf dem Balkon der Wohngemeinschaft. © Ulrike Pflüger-Scherb

Am Königstor leben junge Erwachsene mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen in einer Wohngemeinschaft zusammen. In dieser WG wollen sie zusammen alt werden.

Kassel – Was ist das Beste für meine Tochter? Das fragte sich Sybille Pfromm, nachdem ihre Tochter Lisa zunächst die Alexander-Schmorell-Schule in Kassel und anschließend ein Internat in Bad Arolsen besucht hatte. Dort konnte Lisa, die schwerst mehrfach beeinträchtigt ist, nicht mehr bleiben, nachdem sie 18 Jahre alt geworden war. Sybille Pfromm bekam für ihre Tochter ein Angebot für einen Heimplatz.

In einer Wohngruppe hätte sie zwischen vier Männern im Alter zwischen 60 und 70 aufgenommen werden können. „Das wäre nicht richtig gewesen“, sagt Sybille Pfromm.

Und so entstand die Idee, eine Wohngemeinschaft für junge Menschen mit Beeinträchtigungen zu gründen, in der diese zusammen alt werden können, sagt Pfromm. Die 60-Jährige arbeitet in der Verwaltung der Uni Kassel.

Viele Eltern von behinderten Kindern fragten sich schließlich auch, was aus diesen wird, wenn sie selbst einmal sterben, sagt Detlef Siebert. In Siebert, dem früheren Schulleiter der Comeniusschule, hat Pfromm einen Mitstreiter gefunden. Um eine WG bilden zu können, wurde der Verein „Selbstbestimmt Wohnen für Behinderte“ (swfb) gegründet . Siebert ist der Vorsitzende, Pfromm die Elternvertreterin.

Der Verein machte sich zunächst auf die Suche nach passendem Wohnraum und wurde am Königstor fündig. In dem Neubau an der Ecke zur Sophienstraße kaufte man zwei Wohnungen mit einer Fläche von 260 Quadratmetern. Der Verein schaffte auch die Einrichtung an. Insgesamt habe das rund eine Million Euro gekostet, sagt Siebert. Eine Summe, die hauptsächlich über Kredite, aber auch Spenden, zum Beispiel durch die „Aktion Mensch“, zusammen gekommen ist. „Es war viel Planungs- und Konzeptionsarbeit“, sagt Pfromm.

Vor zwei Jahren sind die ersten Bewohner eingezogen: Lisa, mittlerweile 24 Jahre alt, und Mehmet (25). Lisa habe er schon aus der Schule und dem Internat gekannt, erzählt Mehmet. Wenn es ihm zu viel im Gemeinschaftsraum der WG werde, dann gehe er in sein Zimmer, sagt der 25-Jährige. „Aber es gefällt mir sehr gut.“

Neben Lisa und Mehmet wohnen dort seit einem halben Jahr auch die 21-jährige Elisa und seit Anfang Mai die 21-jährige Lara. Sie habe die Fototapete mit dem Strandmotiv selbst ausgesucht, sagt Lara. Sie fühle sich ziemlich wohl in der WG, die Mitbewohner seien okay.

Die drei jungen Frauen und der junge Mann haben alle unterschiedliche Behinderungsgrade, sie sind zwischen Pflegegrad 3 und 5 eingestuft. Ziel sei es, dass sich die Bewohner aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten auch unterstützen. Ein fünftes Zimmer ist übrigens noch frei. Bei der Auswahl neuer Bewohner werde aber ganz genau hingeguckt, ob es auch passe.

Neben den Zimmern für die Bewohner, die alle Grundsicherung bekommen, gibt es einen großen Gemeinschaftsraum mit Küche, einen Balkon, drei Duschbäder, einen Hauswirtschaftsraum sowie einen Ruhe- und Büroraum, der als Dienstzimmer den ambulanten Dienstleistern vorbehalten ist.

Was unterscheidet diese Wohngruppe von anderen Angeboten für Menschen mit Behinderung? „Wir sind die einzige Wohngruppe in Kassel, die aus einer Elterninitiative entstanden ist“, sagt Pfromm. Bei Gruppen, die zu einer Organisation gehörten, hätten die Eltern kein Mitspracherecht. „Hier bestimmen wir als Eltern und geben den Rahmen vor“, so Pfromm.

Es sei gewünscht, dass alle Eltern sich einbringen. Manche bringen in der WG mal ein Glas Marmelade oder eine Wurst vorbei, ein Vater hat kürzlich Reparaturarbeiten am Balkon vorgenommen. Wenn es Probleme gibt, dann müssten diese von den Eltern auch gelöst werden. Angehörige und Freunde sollen in den Lebensmittelpunkt der Bewohner einbezogen werden.

Zum Konzept dieser Wohngruppe gehöre es, dass die jungen Erwachsenen auch nach Beendigung der Schule weiterhin gefördert werden, sagt Siebert. Tagsüber besuchen sie eine Werkstatt oder eine Tagesförderung.

Wenn die Bewohner unter der Woche gegen 16 Uhr in ihre WG zurückkehren, dann werden sie von einer pädagogischen Fachkraft und einer Assistenzkraft der Organisation „Mein Weg“ aus Bad Arolsen betreut. Es wird zusammen gekocht, Wäsche gewaschen oder eingekauft.

Die Assistenz- und Betreuungsleistungen werden vom Landeswohlfahrtsverband (LWV) getragen. Die Kooperation mit dem LWV laufe übrigens sehr gut, sagt Siebert. Die Pflegekasse übernimmt die Kosten für die Pflege der vier Bewohner.

Jeden Morgen erscheinen zwei Mitarbeiter des ambulanten Pflegediensts „Pflegearche“ (in der Regel ein Mann und eine Frau) in der WG. Sie helfen den Bewohnern bei der Körperpflege und beim Ankleiden. Sie sind auch für die Reinigung der Gemeinschaftsräume zuständig. Abends kommen sie erneut, um den Bewohnern zur Seite zu stehen.

Man versuche, in der Regel dieselben Mitarbeiter zu schicken, um Kontinuität in den Alltag der jungen Menschen zu bringen, sagt Pflegekraft Melanie Vallino. „Wir haben eine freundschaftliche Ebene.“

Auch nachts ist ein Betreuer der Organisation „Mein Weg“ vor Ort, der zum Beispiel eingreifen kann, wenn ein Bewohner einen epileptischen Anfall bekommt. Die 24-Stunden-Betreuung in der WG sei nicht nur eine Sicherheit für die Bewohner, sondern beruhige auch die Eltern, sagt Pfromm.

Die WG befindet sich in einem nagelneuen Wohnblock, in dem viele Menschen leben. Die Empathie der Nachbarschaft für die jungen Bewohner sei sehr groß. „Sie können in einer WG leben, als ob sie keine Beeinträchtigung hätten“, so Pflegekraft Vallino. Diese Wohnform sei gelebte Inklusion, sagt Annika de Vries, Teamleiterin bei „Mein Weg“.

Nächstes Jahr macht die WG auch zusammen Urlaub. Die Bewohner fliegen im April mit Betreuern auf die Karibikinsel Curaçao, um dort an einer Delfin-Therapie teilzunehmen. Die Kosten trägt der Verein. Die Vorfreude ist groß.

Kontakt: „Selbstbestimmt Wohnen für Behinderte“ (swfb), swfb-kassel.de, Sybille Pfromm, swik-kassel@gmx.de

(Ulrike Pflüger-Scherb)

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