Zuflucht zu Weihnachten

Bedürftige und Einsame rücken an Heiligabend zusammen – ein Besuch

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Kamen zur Feier der Drogeninitiative: Pilar Lopez-Sanchez, ihr Sohn Adrian auf dem Arm von Nicolai Röhling, Bernd Bratherig, Jessica Rouw, Birol Danis und Maggy Jany vom Free-Mobil.

Kassel. Das schönste Fest des Jahres ist für Menschen ohne Familie und ohne Geld eher eine Bürde. Wie verbringen die Armen, Obdachlosen und Einsamen dieser Stadt Heiligabend? Wir waren unterwegs und besuchten sie an Orten, an denen sie sich Weihnachten zusammenfinden.

Es ist der 24. Dezember und gleich 15 Uhr. Ein Traube von gut 50 Menschen steht an der Kölnischen Straße vor dem Obdachlosencafé Panama. Mancher wartet seit einer Stunde darauf, dass sich die Türen öffnen. Dann ist es soweit. Im Inneren ist eine Kaffeetafel gedeckt. Nach ein paar Schluck Kaffee sind einige bereit, über ihre Geschichte zu sprechen.

Gemeinsam statt einsam: Walter Clement (67, links) und Günter Blumenröther (49) verbrachten mit 80 weiteren Gästen Heiligabend zusammen im Obdachlosencafé Panama. Foto: Fischer

Gabriele Berger (56) kommt seit 1990 ins Café Panama. „Hier ist Geborgenheit. Zu Hause würde mir die Decke auf den Kopf fallen“, sagt die Mutter, die zu ihren Kindern kaum noch Kontakt hat. Die behinderte Frau lebt von „wenig Rente“, wie sie sagt.

Ihr Tischnachbar mischt sich ins Gespräch ein. Er will wissen, ob der Mann von der HNA Rum in seiner Tasche hat. Nein, hat er nicht. Alkohol ist im Panama ohnehin nicht erlaubt, dafür gibt es Kinderpunsch zum Gebäck.

Ein paar Plätze weiter sitzt Harald Kesper (67). Vor zehn Jahren kam es zur Scheidung mit seiner Frau. Damals arbeitete er noch als Lagerarbeiter. Heute ist er Rentner und lebt von 400 Euro Grundsicherung. „Ich will nicht allein zu Hause sein an Heiligabend. Deshalb komme ich jedes Jahr her.“

Für das Weihnachtsfest ist der Trägerverein des Cafés, die Soziale Hilfe, auf Spenden angewiesen. So gibt es auch kleine Geschenktüten für die Gäste mit Kaffee, Duschgel und Ahler Wurst.

„Weil es früher hier an Weihnachten zu voll wurde, sprechen wir heute Einladungen für 80 regelmäßige Besucher aus“, sagt Stefan Jünemann von der Sozialen Hilfe. Für Wohnungslose stehe die Tür aber immer offen. Nicht alle Gäste des Panama sind obdachlos, die meisten leben aber in prekären Wohnsituationen. Einige berichten, dass es wegen der wachsenden Studentenzahl in der Stadt noch schwieriger für sie sei, eine Wohnung zu finden.

Viele in der Kaffeerunde - die meisten wollen ihre Namen nicht nennen - erinnern sich zu Weihnachten an ihr früheres Leben. Als sie noch einen Job und eine intakte Familie hatten, mit der sie Heiligabend verbrachten.

Kommt seit vielen Jahren ins Panama: Gabriele Berger. Foto: Fischer

Günter Blumenröther (49) ist ohne Familie. Der Kontakt zur Mutter abgebrochen. Er lebt von Hartz-IV und den paar Euros, die er als Straßenmusiker verdient. Nach dem dem Abendessen im Panama (Bockwurst mit Kartoffelsalat) will er weiter ziehen in die Karlskirche. Auch dort gibt es an Heiligabend eine Anlaufstelle für Einsame.

Die meisten zieht es ab 19.30 Uhr aber ins CVJM-Haus an der Treppenstraße. Dort hat die Drogeninitiative Free-Mobil ein Weihnachtsfest mit Live-Musik und Büfett auf die Beine gestellt. Auch dort ist der Andrang lange vor der Öffnung groß. Unter den etwa 200 Gästen sind auch Mütter mit Kindern. Eine von ihnen ist Pilar Lopez-Sanchez, die ihren Sohn Adrian mitgebracht hat. „Ich bin alleinerziehend und das erste Mal hier. Ich bin froh, dass ich meinem Sohn so etwas bieten konnte.“

• Spenden für die Soziale Hilfe: 

Kto. 1185649, BLZ 52050353 (Kasseler Sparkasse)

• Spenden für Free-Mobil: Kto. 1043914, BLZ 52050353 (Kasseler Sparkasse)

Von Bastian Ludwig

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