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Experte vor WM 2022 in Katar: „Der Fußballzauber ist mir schon lange abhandengekommen“

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Von: Matthias Lohr

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Der Journalist Ronny Blaschke berichtet seit Langem über die dunklen Seiten des Sports. Vor der Fußball-WM 2022 in Katar sagt er: Ein Boykott sei populistisch.

Kassel – Die WM 2022 in Katar wirft seine Schatten voraus. In nicht mal einem Monat fällt der Startschuss. Welche Spieler Bundestrainer Hansi Flick für die deutsche Nationalmannschaft mit zu dem Großereignis nimmt, ist noch nicht bekannt. Neben der sportlichen Fragen bewegen vor allen die Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland Katar die Sportwelt. Der renommierte Sportjournalist Ronny Blaschke hat das Buch zur Fußball-WM geschrieben. In „Machtspieler. Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution“ erklärt er den Zusammenhang von Sport und Politik – auch im WM-Gastgeberland Katar. Vor seiner Lesung am Donnerstag in der Volkshochschule in Kassel sprachen wir mit dem 41 Jahre alten Wahl-Berliner.

Kritik an Katar: Mit diesem Transparent protestierten Fans des FC Bayern München im November 2021 gegen Geschäftsbeziehungen mit dem Emirat.
Kritik an Katar: Mit diesem Transparent protestierten Fans des FC Bayern München im November 2021 gegen Geschäftsbeziehungen mit dem Emirat. © Sascha Walther/Eibner-Pressefoto/dpa

Herr Blaschke, wie sehr freuen Sie sich auf die Fußball-WM in Katar?

Als Journalist ist mir der Fußballzauber schon länger abhandengekommen, weil ich auf dunkle Themen des Sports schaue. Auf keinen Fall werde ich die WM komplett ablehnen.  Bei meiner Recherche habe ich mich intensiv mit dem Nahen Osten beschäftigt. Interessant finde ich vor allem kreative Projekte der Fußballzivilgesellschaft, die es etwa auch in Katar gibt. Das Buch soll deutlich machen, dass man über Fußball sehr viel erklären kann - nicht nur über Gesellschaften der arabischen Welt, sondern auch über Religionen oder etwa den Aufstieg der Kommunistischen Partei in China.

Warum halten Sie die Forderungen nach einem Boykott für populistisch?

Die WM ist das Turnier, das die globalisierte Gesellschaft verdient hat. Es ist einfach, auf den Fußball draufzuhauen. Dabei gibt es in anderen Bereichen längst tief gehende Verflechtungen zwischen Katar und Deutschland. Katar hält Anteile an Volkswagen. Die Deutsche Bahn ist an einem milliardenschweren Streckennetz im Land beteiligt. Katar ist einer der größten Investoren in Deutschland. Auch internationale Lieferketten kann man nicht ignorieren.

Wieso spielt dies in der öffentlichen Debatte über die WM kaum eine Rolle?

Weil Fußball sehr viel mit Emotionen zu tun hat. Der Sport ist ein wichtiger Kitt für die Gesellschaft. Wirtschafts- und Sicherheitsthemen sind dagegen sehr komplex. Darum wird auch oft vergessen, warum Katar sich nicht nur im Sport so engagiert. Das kleine Land holt sich Partner im Westen und kann sich so unverzichtbar machen. Vielen ist das erst klar geworden, als sich Wirtschaftsminister Robert Habeck vor dem Handelsminister verbeugte. Seitdem wissen auch die Letzten, dass Deutschland auf Flüssiggas aus Katar angewiesen ist.

Ohne die Netzwerke mit internationalen Fußballclubs, Museen und Universitäten, schreiben Sie, wäre Katar längst vom verfeindeten Saudi-Arabien angegriffen worden. Ist die WM für das Land eine Art Lebensversicherung?

Es ist natürlich spekulativ, ob Katar schon angegriffen worden wäre. Aber diese Urangst gibt es im Land. Katar hat nur ein kleines Militär und könnte sich gegen den großen Nachbarn kaum verteidigen. Daher braucht das Land Soft Power. Die Instrumentalisierung des Sports erreicht so neue Dimensionen. Auch in Katar weiß man, dass die Gasvorräte endlich sind. Das Land, in dem nur zehn Prozent der 2,5 Millionen Einwohner einen katarischen Pass haben, muss sich überlegen, wie es langfristig überleben kann. Fußball wird dabei genutzt, um im Hintergrund internationale Kontakte zu knüpfen. Die Engagements bei Paris Saint-Germain und Bayern München helfen dem Land enorm.

Das Land wird also zu einer Marke. Kann das Investment etwa bei PSG nicht auch negativ sein, weil viele Fußball-Fans denken, die Scheichs machen mit ihrem Geld den Sport kaputt?

Diesen Effekt gibt es vielleicht in Deutschland, Großbritannien und Skandinavien. In Westeuropa denken viele, die Kataris machen das nur wegen uns. Das ist eine eurozentristische Sichtweise. In Katar denkt man global. Man will sich etwa auf dem asiatischen Markt behaupten. Selbst in Japan kritisiert niemand die Menschenrechtsverletzungen in Katar.

Hierzulande ärgern sich Fußball-Fans, dass die WM erstmals im europäischen Winter stattfindet. Wie eurozentristisch ist dieses Argument?

Man sollte die WM nicht aus den falschen Gründen kritisieren. Wieso sollte ein arabisches Land nicht endlich mal eine WM ausrichten? Seit der Vergabe nach Katar hatte man zwölf Jahre Zeit, den Fußballkalender nach dem Termin auszurichten. Ich finde es auch nur fair gegenüber Ländern auf der Südhalbkugel wie Argentinien, dass sie auch mal im Sommer Public Viewing machen können. Zudem hat es vielleicht auch etwas Gutes, wenn nicht Horden von Bier trinkenden englischen Fußball-Fans in das WM-Land reisen. Trotzdem muss man natürlich über die Menschenrechte und die Diskriminierung etwa von Frauen im Land reden.

Uli Hoeneß sagt, die WM könne die Menschenrechtssituation in Katar verbessern. Wie berechtigt ist diese Hoffnung?

So plump, wie er das darstellt, ist es natürlich nicht. Wahr ist aber, dass seit der Vergabe viele Reformen im Land angestoßen wurden. So hat etwa die Internationale Arbeitsorganisation ILO Verbesserungen für Arbeitsmigranten erreicht. Bayern München, das seit Jahren von Katar gesponsert wird, hätte allerdings viel mehr machen und Probleme im Land ansprechen können. Noch mehr muss man die Fifa kritisieren, die von ihrem Einfluss viel zu wenig geltend macht.

Als ein Bayern-Mitglied auf der Jahreshauptversammlung das Katar-Thema ansprach, wetterte Hoeneß: „Das ist nicht die Generalversammlung von Amnesty International.“

Das war natürlich falsch, aber man darf nicht vergessen: Hoeneß steht für einen großen Teil der Fans. Die allermeisten Anhänger schauen nicht kritisch auf Katar. Die Protestbewegung ist viel zu klein, um den Fußball aus den Angeln zu heben. Hoeneß spricht für sehr viele Menschen.

Kritiker merken an, dass der Sport weder bei Olympia 1936 in Berlin noch 1978 bei der Fußball-WM in Argentinien zu Verbesserungen im jeweiligen Land geführt hat.

Ich würde das nicht vergleichen wollen. Der Militärdiktatur in Argentinien sind 30 000 Menschen zum Opfer gefallen. Und bei Vergleichen mit der NS-Diktatur kann man nur verlieren. Bei Recherchen in Argentinien habe ich mir aber auch die Frage gestellt, was die WM 1978 dem Land gebracht hat. Zumindest für einige Zeit hat das Turnier das Ansehen der Diktatur steigen lassen. Auch Russland fühlte sich durch viele Sportveranstaltungen stärker. Mit dem Ukraine-Krieg wurde alles anders. Sportereignisse können die Situation in Staaten nur schwer grundlegend ändern.

Wird der Sport auch nach der WM eine Rolle im Land spielen?

Es ist absurd, dass in dem kleinen Land acht Stadien gebaut wurden. Eines soll nach dem Turnier komplett abgetragen und alle anderen sollen zurückgebaut werden. Trotzdem will Katar eine Sportkultur etablieren – etwa durch die Asienspiele 2030. Das Land hat die höchste Diabetesrate aller arabischen Staaten. Breitensport gibt es so gut wie gar nicht. Sport soll das Gesundheitssystem entlasten.

Saudi-Arabien hat schon Pokalfinals aus Spanien und Italien in sein Land geholt. Wie lange wird es dauern, bis die besten Fußballer der Welt nicht mehr in europäischen Ligen spielen, sondern in Nahost oder in China?

Das weiß ich nicht. Spieler wie Stefan Effenberg und Xavi haben ja bereits in Katar gespielt, als sie ihren Zenit überschritten hatten. Zumindest kann ich mir vorstellen, dass mehr Wettbewerbe in Asien stattfinden. Meine Prognose ist: In 10 oder 15 Jahren könnte auch der deutsche Supercup dort stattfinden.

Würde Ihnen da nicht das Herz bluten?

Nein, ich bin Journalist. Das ist nun mal die Globalisierung. Die Trikots und Schuhe, die wir tragen, werden auch nicht in Kassel oder Schwerin produziert, sondern in Bangladesch und Myanmar. (Matthias Lohr)

Die Lesung findet am Donnerstag, 20. Oktober, um 18 Uhr in der Volkshochschule, Wilhelmshöher Allee 19-21 in Kassel statt.

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