An der Fuldatalstraße steht noch ein altes Portal des ehemaligen Gasthauses „Jean Müller“

Einsames Relikt vergangener Zeiten im Wesertor

Nur noch ein Portal und Mauerreste sind geblieben: Vom einst sehr beliebten Lokal „Jean Müller“ ist nicht mehr viel zu sehen.
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Nur noch ein Portal und Mauerreste sind geblieben: Vom einst sehr beliebten Lokal „Jean Müller“ ist nicht mehr viel zu sehen.

An der Fuldatalstraße steht ein historisches Portal, das viele Fragen aufwirft. Wir beantworten sie mit Hilfe eines Historikers.

Wesertor – Wer von der Weserspitze auf die Fuldatalstraße fährt, dem werden viele Dinge ins Auge fallen: jede Menge Supermärkte, eine gigantische Baugrube, die Faultürme der Kläranlage und mehr oder weniger gelungene Nachkriegsarchitektur. An das alte Kassel erinnert wenig. Doch gegenüber der Baustelle, wo demnächst der große Rewe-Markt entstehen soll, scheint ein kleines historisches Portal so gar nicht ins Bild zu passen.

Über dem bewachsenen Eingang ist in verblasster Schrift „Jean Müller“ zu lesen. Eine alte Steinmauer erstreckt sich entlang der Straße. Aber wozu gehörten diese Relikte einst? Eines ist klar: Zu dem Nachkriegsbau, der sich dahinter erhebt, ganz sicher nicht.

Der Kasseler Historiker Christian Presche kennt den Ursprung: „Die verblasste Schrift ‘Jean Müller’ erinnert noch an die alte Nutzung des Anwesens: eine 1812 gegründete Gastwirtschaft an der Landstraße zwischen Kassel und Wolfsanger.“ Das Tor samt der kleinen Tür sei nach dem Ausbau des heutigen Straßenverlaufs erbaut worden – irgendwann um den Ersten Weltkrieg herum, so der Historiker. Die Einfahrt führte auf den Hof des Anwesens, rechts davon stand das Hauptgebäude. Eine alte Ansichtskarte von 1912 zeige das Gasthaus und die vorherige Hofmauer mit dem ursprünglichen Straßenverlauf.

Justus Müller war der Gründer des Gasthauses. Er hatte am Standort bereits seit 1782 eine Gärtnerei betrieben, die er 1812 um ein Gasthaus erweiterte. Damals regierte Napoleons Bruder Jérôme Bonaparte als König von Westfalen in Kassel. Das Geschäft florierte. Reisende auf dem Weg ins Fuldatal machten genauso Station wie Soldaten aus der benachbarten Kaserne. Ihren späteren Namen bekam das Lokal durch den Enkel des Gründers, Jean Müller. Er war es auch, der das Gasthaus weiter ausbaute.

Alte Ansichtskarte aus dem Jahr 1912: Sie zeigt noch die alte Einfahrt vor dem Umbau der Straße.

Neben der benachbarten Kaserne sorgte auch die Einrichtung der Pferdebahn, die ab 1897 am Gasthaus hielt, für Kundschaft. Die Pferdebahnfahrer sollen sich beim Halt vom Wirt jeweils einen Schnaps haben reichen lassen, so berichteten es Zeitzeugen später. Weil der Betrieb gut lief, entstanden bald ein Neubau für eine Kegelbahn und ein großer Saal mit Bühne. „Jean Müller“ wurde zu einem beliebten Tanzlokal. In den 1920er-Jahren zog sich die Familie Müller zurück und die Gastwirtschaft wurde von Pächtern weiter betrieben.

Im Oktober 1943 wurde das Anwesen durch Bomben zerstört. (Bastian Ludwig)

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