Angeklagte gestehen Raubüberfall auf Drogendealer, bestreiten aber jegliche Gewalt

Einschüchterung ohne Messer?

Kassel. Die Stimmung auf der Anklagebank ist bestens. Wegen eines Überfalls auf einen befreundeten Marihuana-Händler müssen sich drei junge Männer vor dem Kasseler Landgericht verantworten.

Während ihre Anwälte hinter verschlossenen Türen versuchen, sich mit Gericht und Staatsanwaltschaft auf ein Strafmaß zu einigen, quatschen und kichern die Angeklagten munter drauflos. Erzählen sich Anekdoten aus der Haft. Oder spekulieren, wer von ihnen wie lange hinter Gitter muss.

Dabei ist, was ihnen droht, eigentlich nicht komisch: Nicht weniger als fünf Jahre Gefängnis beträgt die Mindeststrafe. Denn es geht um besonders schweren Raub. Im Sommer 2011 sollen die drei Angeklagten bei einem heute 22-Jährigen aufgetaucht sein, von dem sie wussten, dass er mit Gras handelt. Ihr Ziel: Geld und Drogen.

Auf 300 Euro in bar und mindestens 20 Gramm Marihuana beziffert die Staatsanwaltschaft die Beute – abgepresst nicht nur durch Drohungen, sondern auch durch Schläge ins Gesicht. Und vor allem: durch ein Messer, das dem 22-Jährigen an den Hals gehalten worden sei. Ohne diese Waffe wäre der Überfall nur ein normaler Raub. Strafe: von einem Jahr an aufwärts.

Und so gestehen die Angeklagten zwar – und das, obwohl die Bemühungen ihrer Verteidiger um eine Einigung erfolglos geblieben sind. Doch das Messer? Nein, das gab es nicht, beteuern sie. Nicht einmal Schläge. Und was hat das Opfer so eingeschüchtert? Achselzucken. „Vielleicht mein Aussehen, vielleicht die Art, wie ich rede.“ Statt ins Gefängnis, wo er derzeit zwei ältere Haftstrafen absitzt, möchte der 25-Jährige lieber in eine Entziehungsanstalt – und schildert sich als Drogenabhängigen, der Geld zum Kiffen und Koksen gebraucht habe.

Seine beiden Mitangeklagten dagegen verwendeten ihre Anteile an der Beute geradezu bürgerlich: Der eine, 20 Jahre alt, zog ins Hotel, weil er kurz zuvor seine Wohnung verloren hatte. Der andere, ein 24-Jähriger, ging einkaufen in einem Möbelhaus.

Es muss ein Großeinkauf gewesen sein: Nicht 300 Euro, wie es in der Anklage heißt, will das Trio erbeutet haben. Sondern das Zehnfache. Und auch der Beutel mit dem Marihuana war praller gefüllt, als es das Opfer zunächst zugegeben hatte: Wie der 22-Jährige vor Gericht einräumte, hatte er bei beidem untertrieben – aus Sorge, er könne Ärger wegen seiner Drogengeschäfte bekommen. Die er ohnehin hat: Erst kurz vor dem Überfall hatte die Polizei seine Wohnung durchsucht.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Joachim Tornau

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