Nach dem Krieg mehrfach umbenannt

Straßennamen und ihre Geschichte: Einst Friedrich-Ebert-Platz

+
Noch eine Trümmerlandschaft: Dieses Foto entstand im Jahr 1948, als der Friedrichsplatz vorübergehend Friedrich-Ebert-Platz hieß. Es zeigt eine Fronleichnamsprozession. Rechts im Bild die Ruine des 1953 abgerissenen preußischen Staatstheaters.

Kassel. Kürzlich berichteten wir über die Geschichte der Kasseler Straßennamen. Daraufhin erreichten uns viele Leserzuschriften zur Herkunft von 25 Bezeichnungen, die bisher als ungeklärt galten. Die Hinweise werden nun von der Stadt geprüft. Über eine Episode klären wir jetzt schon auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war auch der Kasseler Magisrat bemüht, einen Strich unter die Geschichte zu ziehen. Diesem Wunsch fielen auch etliche Straßennamen zum Opfer, die mit dem Dritten Reich in keinem Zusammenhang standen. Im April 1947 entschied der Magistrat über 75 Namensänderungen. Darunter war auch der nach Landgraf Friedrich II. bennannte Friedrichsplatz. Er wurde dem berühmten Sozialdemokraten gewidmet und hieß ab dann Friedrich-Ebert-Platz. Aber nur für zweieinhalb Jahre.

Mehr Infos: 

Der Friedrichsplatz im Regiowiki der HNA.

Denn im September 1949 korrigierte der Magistrat einige seiner Entscheidungen wieder: 22 der unbenannten Straßen und Plätze wurden erneut umgetauft, 15 erhielten dabei ihren ursprünglichen Namen zurück. Nach Informationen von Wolfgang Schmidt vom Amt für Vermessung und Geoinformation hatte die amerikanische Militärregierung die von der Stadt forcierte Umbennenungswelle für zu radikal bewertet.

Alte Plakate von der Kasseler Herbstmesse, die seinerzeit auf dem heutigen Friedrichsplatz stattfand, zeugen aber noch von dem Namens-Intermezzo. Und auch in einem Kasseler Adressbuch aus dem Jahr 1949 ist noch der Friedrich-Ebert-Platz aufgeführt.

Werbeplakat von 1947: Herbstmesse wurde auf Friedrich-Ebert-Platz angekündigt.

Unser Leser Dieter Salaske erinnert sich sogar noch ein altes Kasseler Liedchen, in dem der Name verewigt ist. Er habe das Lied, in dem noch die Wortwahl der NS-Jahre mitschwinge, von einem alten Kasseläner gehört. An folgende Zeile erinnert er sich: „Heut ist Negerjazz auf dem Friedrich-Ebert-Platz. Alle Neger jazzen schon, einer spielt das Saxophon.“

Neben dem Friedrichsplatz trugen auch andere Straßen zwischen 1947 und 1949 einen anderen Namen: Darunter das Königstor, das zeitweise Erzbergerstraße hieß. Der Name Erzbergerstraße ging aber nach 1949 nicht verloren, die frühere Orleansstraße, die für zwei Jahre Diemelstraße hieß, bekam diesen Namen. Die heutige Friedrich-Ebert-Straße (bis nach dem Krieg Hohenzollernstraße) trug in den zweieinhalb Jahren den Namen Karl-Marx-Straße. Geblieben ist nur der Karl-Marx-Platz.

Hintergrund: Wie die Wolfsschlucht ein "f" verlor

Unser Leser-Aufruf, Hinweise zur Herkunft von 25 ungeklärten Kasseler Straßennamen einzusenden, stieß auf große Resonanz. Knapp 40 Erklärungen gingen bei der HNA und der Stadt Kassel ein. Diese werden nun vom Stadtarchiv und vom Amt für Vermessung und Geoinformation geprüft. Die Suche nach eindeutigen Belegen in den Archiven kann einige Wochen dauern, wir werden über die Ergebnisse berichten.

Lesen Sie dazu auch: 

- Wölfe heulten hier nie: Straßennamen und ihre Bedeutung

Etliche Leser hatten sich auch über den in unserem Bericht erwähnten Ursprung des Namens „Wolfsschlucht“ gewundert. Dieser geht auf den Erbauer der ersten Häuser an dieser Straße, den Architekten Johann Heinrich Wolff (1792-1869) , zurück. Das zweite „f“ in dessen Namen taucht im Straßennamen nicht mehr auf, es ist über die Jahrhunderte durch einen Übertragungsfehler bei der Stadt verschwunden. In einem Adressbuch von 1919 ist die Wolfsschlucht bereits mit einem „f“ geschrieben. Eine heutige Korrektur des Namens wäre zu aufwendig, Anlieger müssten ihre Personalausweise ändern.

Zudem gingen etliche Hinweise auf das 1989 erschienene Buch „Kasseler Straßennamen“ ein, in dem Erklärungen zu einigen der 25 ungeklärten Namen geliefert werden. Dieses Buch von Wolfgang Rudloff ist den Historikern bekannt, sie fanden aber keine eindeutigen Belege zu den dortigen Namenserklärungen. Hintergrund der Recherche sind die neuen Zusatzschilder, die die Stadt an knapp 400 Straßenschildern angebracht hat und die auf den jeweiligen Namensgeber verweisen. 

Von Bastian Ludwig

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.