Steile politische Karriere als Oberbürgermeister, Ministerpräsident und Bundesfinanzminister

Der Eiserne Hans wird 70

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Gratulation: Hans Eichel 1975 bei seiner Amtseinführung im Kasseler Rathaus.

Kassel. Akribisch, korrekt, der Prototyp eines Finanzbeamten - diese Eigenschaften wurden Hans Eichel schon zu Beginn seiner erstaunlichen Karriere zugeschrieben. Viele dieser Attribute treffen immer noch zu.

Als Oberbürgermeister, Ministerpräsident und Bundesfinanzminister im Ruhestand ist Hans Eichel heute aber auch ein Mann, der bei einem guten Glas Rotwein wundervolle Anekdoten erzählt - aus Zeiten, in denen er mit den Mächtigen und Großen der Politik auf Augenhöhe verhandelt hat genauso wie aus den sieben Jahrzehnten in seiner Heimatstadt Kassel, auf die Eichel am heutigen Tag zurückblickt.

Die große Bühne der Europäischen Finanzpolitik hat Eichel 2005 seinem Parteikollegen Peer Steinbrück überlassen müssen. Aber auch als er noch eines der hohen Ämter dieses Staates innehatte, ließ der Staatsdiener Eichel sich die Einkäufe nicht nach Hause liefern: Man traf ihn - wie auch noch heute - samstags in der Markthalle, oft in Diskussion mit Menschen, die am Gemüsestand politisch anderer Meinung waren als er.

Kindheit

Eichel wurde am 24. Dezember 1941 in Kirchditmold geboren. Er berichtet von einer glücklichen Kindheit, vom Spielen im Garten und in den Trümmern, die der Krieg hinterlassen hatte. Eichel besuchte das Wilhelmsgymnasium (WG). Er war ein sehr guter Schüler - mit Schwächen im Turnen und Singen. Und er interessierte sich früh für die Politik, debattierte mit seinen Eltern, die liberal geprägt waren. Dass er als Jugendlicher immer mehr linke Positionen einnahm, lag auch am besten Freund seiner Eltern, einem Sozialisten, der Pfarrer in Wehlheiden war.

Lehr(er)jahre

Hoher Besuch: Oberbürgermeister Hans Eichel (links) empfing 1980 den französischen Staatspräsidenten Giscard d’Estaing (Mitte) im Kasseler Rathaus. Daneben stand Hessens Ministerpräsident Holger Börner.

Früh stand für ihn fest, dass er in die Politik wollte. Zuvor wollte er aber noch einen Beruf lernen. Gegen den Traumberuf Architekt entschied er sich, weil er sich nicht vorstellen konnte, in wirtschaftlich schweren Zeiten Mitarbeiter entlassen zu müssen. Das hatte er einmal bei seinem Vater erlebt, der als selbstständiger Architekt zum Beispiel das Kino in Wilhelmshöhe (im heutigen Kugelhaus) gebaut hatte. Eichel wurde Studienrat, unterrichtete am WG und an der Erich-Kästner-Schule in Baunatal. Bis 1975 - dann wurde er mit 33 Jahren zum jüngsten Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt.

Rathaus-Chef

Die documenta Urbana und die Ansiedlung der Universität am Holländischen Platz zählt er zu den wichtigsten Projekten in seiner Zeit als OB. Unter Eichel gab es auch das erste rot-grüne Bündnis in Deutschland, das Signalcharakter für Land und Bund hatte. Nach über 15 Jahren als OB kam der nächste Schritt: Er wurde 1991 zum Ministerpräsidenten gewählt. Die rot-grüne Landesregierung unter Eichel war 1995 die erste, die durch die Wähler bestätigt wurde. Das Verlieren der Landtagswahl 1999 bezeichnet Eichel hingegen als seine größte politische Niederlage.

Finanzminister

Zeit zum Ärgern blieb ihm nicht. Nach dem überraschenden Rücktritt von Oskar Lafontaine wurde Eichel zum Bundesfinanzminister im Kabinett von Gerhard Schröder. „Das hat mir viel Spaß gemacht“, sagt Eichel, auch wenn er als „Eiserner Hans“ viel Kritik einstecken musste - er veteidigte die Sparpolitik eisern und oft erfolgreich gegen Wünsche seiner Kabinettskollegen. In der Öffentlichkeit wurden das Sparpaket und die Steuerreform im Sommer 2000 als seine Erfolge verzeichnet. Finanzpolitik als Gesellschaftspolitik - das habe den Reiz am Amt des Bundesfinanzministers ausgemacht. „Von wem nehmen Sie das Geld, wem geben Sie es?“, seien leitende Fragen gewesen. Der soziale Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit Deutschlands hätten für ihn im Mittelpunkt gestanden.

Aktuell

Zuletzt ist Eichel in die Schlagzeilen geraten, weil er wegen seiner Pensionsansprüche gegen die Stadt Kassel geklagt hatte. Vor dem Bundesverwaltungsgericht hat er diesen Prozess verloren. Es läuft noch ein weiteres Verfahren, das Eichel gegen das Land führt. Da hat er gute Chancen, den Prozess zu gewinnen.

Pensionär Eichel engagiert sich bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, sucht nach Sponsoren für Kunstprojekte und ist Autor und Herausgeber eines Bildbands über Kassel, der demnächst erscheinen soll.

Von Ulrike Pflüger-Scherb und Uli Hagemeier

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