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Letzte Generation in Elbphilharmonie: Klimaprotest wird zur Lachnummer - Kasseler beteiligt

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Von: Matthias Lohr

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Der Kasseler Klimaaktivist Carl-Christian Porsch klebte sich in der Elbphilharmonie fest. Die Aktion der Letzten Generation wurde zur Lachnummer. Berufsaktivist Porsch macht jedoch weiter.

Hamburg/Kassel – Für Carl-Christian Porsch ist die Aktion, wegen der die Menschen im Internet über ihn lachen, ein voller Erfolg. Vor einer Woche klebte sich der Klimaaktivist aus Kassel mit einem weiteren Mitglied der Letzten Generation an das Dirigentenpult der Hamburger Elbphilharmonie.

Die Störaktion im vollen Konzertsaal dauerte nur wenige Minuten, weil ein Mitarbeiter des Orchesters das Geländer aus dem Podium löste und die Aktivisten in ihren Warnwesten nach draußen beförderte. Die Sächsische Staatskapelle trat nur etwas verspätet auf. Ein Video machte die Runde. Die „Bild“ schrieb: „Demo-Dilettanten blamieren sich bei Trottel-Aktion in der Elphi.“

Berufsaktivist aus Kassel meint: Letzte-Generation-Protest in Elbphilharmonie hat sich gelohnt

Porsch findet trotzdem, dass sich der Abend gelohnt hat. Seine Kollegin hatte gerufen, dass es keine Elbphilharmonie mehr geben werde, wenn Hamburg unter Wasser steht. Das ging in den Buhrufen unter. Porsch aber sagt: „Wir haben eine Bühne für unser Anliegen gefunden.“ Die Elbphilharmonie verzichtete auf eine Anzeige. Es gab nur einen Platzverweis.

Aktion in der Hamburger Elbphilharmonie: Der Kasseler Carl-Christian Porsch klebte sich mit einer anderen Aktivistin von der Letzten Generation am Dirigentenpult an. Ein Mitarbeiter des Orchesters zog das Geländer jedoch aus dem Podest und sorgte dafür, dass die Demonstranten rausgebracht wurden.
Aktion in der Hamburger Elbphilharmonie: Der Kasseler Carl-Christian Porsch klebte sich mit einer anderen Aktivistin von der Letzten Generation am Dirigentenpult an. Ein Mitarbeiter des Orchesters zog das Geländer jedoch aus dem Podest und sorgte dafür, dass die Demonstranten rausgebracht wurden. © Markenfotografie Elbphilharmonie/dpa

Für den 21-Jährigen aus Nordhessen sind solche Aktionen unbedingt notwendig: „Unser Überleben steht auf dem Spiel. Darum müssen wir in alle Bereiche gehen, egal, ob es die Menschen stört.“ Porsch stammt aus der Nähe von Gera und zog vor zwei Jahren wegen seiner Ausbildung zum Sozialassistenten nach Kassel. Im Sommer 2021 wurde er auf die Letzte Generation aufmerksam, als Aktivisten in Berlin in den Hungerstreik getreten waren, um ein Gespräch mit den drei Kanzlerkandidaten über den „Mord an der jungen Generation“ zu erreichen.

Seit Januar engagiert sich Porsch in der siebenköpfigen Kasseler Ortsgruppe. Auf Straßen klebte er sich schon mehrmals fest. Seine Ausbildung zum Erzieher im Rudolf-Steiner-Institut hat er vor drei Wochen abgebrochen, um sich ganz der Letzten Generation zu widmen, wie er sagt: „Ich bin jetzt Berufsaktivist.“ Finanziert wird das alles über Spenden.

Kasseler klebt sich in Elbphilharmonie fest: Engagement für Letzte Generation finanziert über Spenden

In der Bevölkerung stößt das Engagement von Porsch und seinen Mitstreitern auf eine große Ablehnung. Laut Umfragen glauben 86 Prozent, dass die Aktivisten dem Anliegen des Klimaschutzes schaden. Porsch sieht das anders. Bislang seien alle Bemühungen, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, gescheitert. Mit den Aktionen würde die Bundesregierung unter Druck gesetzt, die Aktivisten können Interviews geben. Auch wir sind den Klebe-Protestlern mit diesem Artikel also auf den Leim gegangen.

Allerdings wird seit Wochen weniger über Klimaschutz als über Protestformen geredet. In Berlin starb eine Radfahrerin, die von einem Lastwagen überfahren worden war, als eine Straße blockiert wurde. Ob das Rettungsfahrzeug wegen der Letzten Generation zu spät kam, ist unklar.

Porsch versichert, dass man das Beste gebe, um bei Straßenblockaden eine Rettungsgasse zu bilden. Mindestens zwei Aktivisten seien nicht angeklebt. Ausschließen kann er es aber natürlich nicht, dass ein Stau schlimme Folgen hat.

Bevor Kunstwerke in Museen mit Kartoffelbrei beworfen werden, werde überprüft, ob etwas beschädigt werden kann. Geworfen werde nur, wenn die Bilder mit einer Glasscheibe geschützt seien. Trotzdem wurde auch schon ein historischer Rahmen beschädigt. Porsch findet das „auch nicht cool“, aber: „Was ist der Rahmen wert, wenn wir nichts mehr zu essen haben? Das sind Opfer, die wir bringen müssen.“

Letzte Generation: Aktivist aus Kassel sieht Vergleich als „maßlose Verharmlosung“ der RAF-Verbrechen

Nicht nur die Springer-Presse und CDU-Politiker warnen mittlerweile vor einer „Klima-RAF“. Auch der Politikwissenschaftler Tadzio Müller, selbst ein Aktivist, hält es für möglich, dass sich eine „grüne RAF“ bilde. Porsch findet das absurd: „Dass wir als RAF dargestellt werden, ist eine maßlose Verharmlosung der Geschehnisse von damals.“ Und er versichert, dass er sich an keiner Aktion beteiligen würde, bei der jemand zu Schaden komme: „Die Letzte Generation wird niemals Gewalt unterstützen.“

Dennoch könnte auch er im Gefängnis landen. In Bayern wurden Aktivisten vorbeugend knapp drei Wochen inhaftiert – ohne dass es eine Straftat gegeben hätte. Für den Rechtsexperten Heribert Prantl („Süddeutsche Zeitung“) ist das „unerträglich“. Offensichtlich radikalisieren sich nicht nur Klimaschützer, sondern auch Justiz und Politik.

Porsch will trotzdem weitermachen: „Mein Papa war geschockt, als ich meine Ausbildung unterbrochen habe.“ Die Aktionsformen könne er nicht nachvollziehen. Mittlerweile stärke er ihm jedoch den Rücken. „Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann“, sagt Porsch. (Matthias Lohr)

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