Hohes Unfallrisiko für ältere Radler

Elektroräder: Ohne Fitness geht es nicht

Flott unterwegs: Gerade unter älteren Radlern sind nach Angaben des ADFC viele, die nach langer Fahrrad-Abstinenz direkt aufs Pedelec steigen. Ohne Fahrpraxis könne das riskant sein. Foto:  Schachtschneider

Kassel. Im Baumarkt gibt es sie bereits und auch beim Lebensmitteldiscounter: Der Siegeszug der Elektrofahrräder ist nicht mehr aufzuhalten.

Vor allem Ältere interessieren sich für das Radeln mit Tretkraft-Unterstützung. Das belegen die Teilnehmerkreise bei Info-Veranstaltungen, die der Kasseler Kreisverband des Fahrradclubs ADFC zum Thema Pedelecs anbietet.

Beispiele nennt Uwe Gertig, der sich beim ADFC um das Thema Elektroräder kümmert: 65 Jahre sei der Altersdurchschnitt gewesen bei einem der jüngsten Termine, bei dem sich 36 Interessierte Tipps vor dem Pedelec-Kauf holen wollten. Gertig: „Wir hatten doppelt so viele Anmeldungen wie Teilnehmerplätze.“ Und bei einem Radfahr-Sicherheitstraining seien die Teilnehmer im Schnitt 71 Jahre alt gewesen – mehr als drei Viertel von ihnen mit frisch gekauftem Pedelec.

Auffällig sei aus Sicht des Fahrradclubs, dass jeder zweite Teilnehmer an Pedelec-Anfängertouren des ADFC „sichtbar unsicher“ sei und davon beinahe jeder einen leichten Sturz hingelegt habe. „Wir fahren dabei auf Radwegen und sonstigen Übungsstrecken“, sagt Gertig: „Im richtigen Straßenverkehr hätte dabei auch etwas Ernstes passieren können.“

Dabei sei nicht das E-Fahrrad selbst das Problem, betont der ADFC-Mann. Das Risiko liege darin, dass sich viele ein solches Rad anschafften, weil sie sich altersbedingt oder nach langer Pause nicht mehr fit für ein herkömmliches Fahrrad fühlten. Gertig: „Es ist ein Irrtum, zu glauben, mit einem Pedelec schaffe ich es dann gerade noch.“ Zum sicheren Radeln allgemein brauche es Übung, fahrtechnisches Wissen, Fitness und Reaktionsvermögen. Wenn aber der ungewohnte Elektro-Schub auf „Ausbildungsdefizite und altersbedingte Einschränkungen“ treffe, könne die Sache schnell riskant werden.

Viermal höheres Risiko

Der Auto Club Europa (ACE) schätzt das Risiko, bei einem Pedelec-Unfall im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, viermal höher ein als bei Unfällen mit herkömmlichen Rädern. Ursache sei vor allem das höhere Durchschnittstempo. Der ACE verweist auf Statistiken, nach denen Pedelecs im Jahr 2014 bundesweit in 3700 Unfälle verwickelt gewesen seien, bei denen 59 Menschen starben und 1178 schwer verletzt worden seien. Die tatsächlichen Unfallzahlen schätzte ein ACE-Sprecher aber höher ein: Nur etwa 40 Prozent aller Fahrradunfälle würden überhaupt statistisch erfasst.

In Stadt und Landkreis Kassel hat die Polizei seit Jahresbeginn zehn Unfälle mit Pedelecs registriert, zwei Radler wurden dabei schwer verletzt. Polizeisprecher Frank Kramer geht davon aus, dass es wegen der zunehmenden Verbreitung von Elektrorädern „mit Sicherheit bald eine Anpassung der gesetzlichen Regeln“ in der Straßenverkehrsordnung geben werde.

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