Krankenhäuser leiden unter Budgetierung und Rabattsystem

Elena-Klinik: Viele schreiben rote Zahlen

Idyllisch gelegen: Die Paracelsus-Elena-Klinik in Kassel. Unser Foto zeigt den historischen Altbau (rechts). Foto: Schachtschneider

Kassel. Die 200 Beschäftigten der Paracelsus-Elena-Klinik in Harleshausen sind sauer. Obwohl ihr auf Parkinson – eine neurologische Erkrankung – spezialisiertes Haus schwarze Zahlen schreibt, müssen sie einen Sanierungsbeitrag für den Gesamtkonzern leisten, der unter Spardruck steht.

So sollen nach dem Willen der Geschäftsleitung auch die Kasseler auf Lohn und Weihnachtsgeld verzichten. Sie wollen nicht unsolidarisch mit den anderen 4688 Kollegen in den Akut- und Reha-Kliniken sowie in den ambulanten Einrichtungen der Osnabrücker Gruppe sein. „Aber wir sind auch nicht die Melkkuh des Konzerns“, sagt ein Betroffener. Es könne nicht sein, dass die Gewinne aus Kassel zur Sanierung des Konzerns verwendet würden. Außerdem wolle man Missmanagement in anderen Häusern oder an der Spitze keinen Vorschub leisten, heißt es in der Belegschaft.

Heike Grau, die zuständige Gewerkschaftssekretärin der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di in Nordhessen, hat Verständnis für den Unmut der Beschäftigten. Aber beim angestrebten Sanierungstarifvertrag gehe es vor allem darum, die Gruppe als Ganzes zu sichern. „Wir machen es uns in den Gesprächen nicht leicht“, versichert sie.

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Der Betriebsratsvorsitzende Walter Witz und Klinikchef Birger Kirstein waren in den vergangenen Tagen für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Die Sprecherin der Paracelsus-Gruppe, Simone Hoffmann, räumt durchaus Managementfehler in der Vergangenheit ein, erinnert aber auch daran, dass nicht alle Häuser immer schwarze oder rote Zahlen geschrieben hätten. „Das ist sehr unterschiedlich gewesen. Und das ist ja der Vorteil eines Klinikverbundes, dass starke Häuser schwache Einrichtungen unterstützen – zumal es im nächsten Jahr schon andersherum laufen kann.“

Gleichzeitig macht sie auf die generellen Probleme in der deutschen Kliniklandschaft aufmerksam: Die meisten Krankenhäuser in Niedersachsen schrieben rote Zahlen. Der Verbandsdirektor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, Helmut Fricke, konkretisiert: Ein Drittel der Kliniken arbeite defizitär, und ein weiteres Drittel verdiene nichts. In Hessen sieht es ganz ähnlich aus: Nach Schätzungen der hiesigen Landeskrankenhausgesellschaft machen 40 bis 50 Prozent aller Kliniken Miese, beziehungsweise keinen Gewinn.

Dafür gibt es nach Angaben des Sprechers der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Moritz Quiske, im Wesentlichen zwei Gründe: Die Energie-, Sach- und Personalkosten stiegen regelmäßig stärker als die zwei Prozent, die die Krankenkassen jährlich als Vergütungsplus zahlten. Hinzu kämen erhebliche Mittelkürzungen über Rabattsysteme bei Überschreitung zuvor festgelegter Fallzahlen.

Hintergrund: Verlust oder schwache Rendite

Zahlen zu einzelnen Häusern nennt die Osnabrücker Paracelsus-Gruppe nicht. Konzernweit setzte die Gruppe 2012 fast 345 Millionen Euro um, unterm Strich blieben 2,46 Mio. Euro als Gewinn. Allerdings wurden im vergangenen Jahr Investitionen massiv heruntergefahren und Sondererträge von 1,4 Mio. Euro erzielt.

2011 hatte die Gruppe einen Verlust von 3,14 Mio. Euro erlitten. 2010 schlug ein Minigewinn von nur 227 000 Euro zu Buche. Große Wettbewerber erzielen Umsatzrenditen von drei bis vier Prozent. Im Falle von Paracelsus sollten dies etwa zwölf Mio. Euro Reingewinn im Jahr sein. Paracelsus hat derzeit bundesweit 4100 Betten.

Mehr Wissen: 1937 gegründet, Königin stand Pate

Die Kasseler Elena-Klinik wurde 1937 als erstes deutsches Parkinson-Krankenhaus gegründet und gilt auch international als eine der führenden Einrichtungen ihrer Art. Sie ist nach der damaligen italienischen Königin benannt, die Klinik-Gründer Dr. Walter Völler seinerzeit zufällig kennengelernt hatte.

Von José Pinto und Boris Naumann

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