Den Tagen mehr Leben geben - 10 Jahre Palliativteam am Elisabeth-Krankenhaus

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In Beziehung kommen durch Nähe und Klänge: Iris Füser setzt das Körpermonochord bei ihrer Arbeit mit einer Patientin ein.

Menschen, die unheilbar krank sind und deren Lebenszeit begrenzt ist, benötigen besondere Hilfe. Um diese zu leisten, wurde im Jahr 2007 am Elisabeth-Krankenhaus das Palliativteam gegründet. Die Initiative dafür ging vom Anästhesiechefarzt Dr. med. Rainer Wollborn und der ehemaligen Pflegedienstleiterin Margit Purwin aus.

Den Palliativpatienten kann so eine bessere Versorgung angeboten werden – Ziele sind es, die Lebensqualität und Selbstbestimmung bestmöglich zu erhalten, zu fördern und zu verbessern.

Dafür arbeiten speziell ausgebildete Palliativmediziner, Pflegekräfte, Physiotherapeutinnen, Psychoonkologinnen, Sozialarbeiterinnen und Seelsorgerinnen zusammen.
Palliativ Care Fachkraft Iris Füser ist Gründungsmitglied und Koordinatorin des Teams. Zusammen mit Anästhesieoberärztin und Palliativmedizinerin Astrid Langer gibt sie Einblicke in ihre wichtige Arbeit.

Frau Füser, warum ist die Palliativversorgung so wichtig?
Iris Füser: Es geht darum, Menschen, denen keine kurative Therapie mehr angeboten werden kann, nicht alleine zu lassen und die Lebensqualität der Betroffenen möglichst lange und gut zu erhalten. Menschen in einer palliativen Situation – seien es Patienten, seien es deren Angehörige – benötigen dabei ganz besonders unsere Zuwendung und Unterstützung über die normale medizinische und pflegerische Arbeit hinaus. Dafür braucht es das Zusammenwirken von Spezialisten unterschiedlicher Professionen: Medizin, Pflege, Physiotherapie, Psychoonkologie, Sozialarbeit und Seelsorge.

Wann kommt das Palliativteam zum Einsatz?
Füser: Beratend werden wir häufig schon direkt nach Diagnose einer schweren, unheilbaren Erkrankung tätig. Ansonsten können wir hinzugezogen werden, wenn belastende Symptome bestehen, wie zum Beispiel Luftnot, Schmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit oder starker Juckreiz. Auch wenn einfach nur Gesprächsbedarf besteht oder eine palliative Weiterversorgung für die Zeit nach der Krankenhausentlassung organisiert werden muss, helfen wir weiter.

Astrid Langer: In der Regel schaltet der behandelnde Arzt das Palliativteam nach Absprache mit dem Patienten ein. Patienten und Angehörige können sich aber auch selbst an uns wenden. Unsere Flyer liegen im Krankenhaus aus.

Wie viele Menschen pro Jahr werden durch das Palliativteam betreut?

Füser: Seit unserer Gründung verzeichnen wir einen stetigen Zuwachs. 120 Patienten waren es im letzten Jahr, im laufenden Jahr zeichnet sich ein weiterer Anstieg ab.

Was sind die größten Ängste von Patienten und deren Angehörigen?
Langer: Viele Patienten haben Angst vor einem Kontrollverlust, aber auch vor Schmerzen und vor Luftnot. Nicht wenige denken mehr an ihre Angehörigen als an sich selbst. Sie möchten ihren Liebsten nicht zur Last fallen.
Füser: Eine palliative Situation ist eine große Herausforderung für den Betroffenen und sein ganzes Umfeld. Gerade die Angehörigen fühlen sich hilflos der Situation gegenüber, haben das Gefühl, dass Sie dem nicht gewachsen sind. Sie haben Angst, dass der Betroffene leiden muss. Gleichzeitig fürchten sie, selbst alleine gelassen zu werden. Um dieser emotionalen Ausnahmesituation zu begegnen braucht es unsere professionelle Unterstützung.

Welche Unterstützung können Sie bieten?

Füser: Der Patient und sein Umfeld stehen gleichermaßen im Fokus unserer Bemühungen: Medikamentöse und nichtmedikamentöse Maßnahmen zur Symptomlinderung, entlastende Gespräche auch für Angehörige mit Seelsorge oder Psychoonkologie, Beratung über Möglichkeiten der palliativen und hospizlichen Versorgung und bei Bedarf die Organisation der weiteren Versorgung in Zusammenarbeit mit Pflegediensten und Palliative-Care-Teams der Region. Angehörige sind uns jederzeit willkommen, auch ein Bleiben über Nacht versuchen wir zu ermöglichen. Wir leiten diese auch gerne an, mit einfachen Mitteln das Wohlbefinden der Patienten zu steigern, zum Beispiel mittels geschmackvoller Mundpflege oder Aromapflege. Auch Tipps zu Ernährung bei vermindertem Appetit oder Übelkeit können wir geben.

Können Sie den Betroffenen Schmerzen nehmen? Welche Bedeutung hat die Schmerztherapie? 
Langer: Wir können auf ein großes Spektrum medikamentöser und nichtmedikamentöser Methoden zurückgreifen und versuchen jedem ein maßgeschneidertes Konzept zu bieten. Auch Regionalanästhesieverfahren, Physiotherapie und Entspannungsverfahren stehen zur Verfügung.

Ist die Begegnung mit den Schwerkranken und Sterbenden für Sie sehr belastend?
Füser: Die intensiven Begegnungen mit Menschen empfinde ich eher bereichernd als belastend. Wir sind gerade in der Begleitung der letzten Lebensphase so nah am Leben dran, wie in kaum einer anderen Situation.
Daran teilhaben zu dürfen und Unterstützung bieten zu können für mehr Lebensqualität, Sicherheit und Selbstbestimmung, ist sehr erfüllend. 

Wie können Sie wieder Luft holen und Kraft tanken?
Was motiviert Sie?
Füser: Die Wertschätzung, die mir sowohl von Patienten und Angehörigen als auch von meinen Kollegen entgegengebracht wird, motiviert mich immer wieder weiter zu machen und zeigt mir, dass es gut und richtig ist, was wir tagtäglich tun. Kraft tanke ich im Zusammensein mit meiner Familie, am Liebsten draußen und in Bewegung.
Langer: Dem schließe ich mich gerne an und möchte noch einen Punkt ergänzen: Gute Zusammenarbeit im Team ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. 

Welches Erlebnis hat Sie besonders beeindruckt?
Füser: Mich beeindrucken immer wieder die Veränderungen, der Prozess bis hin zum guten Loslassen. Wenn vormals Wichtiges auf einmal ganz klein wird und diese bestimmte Ruhe und Zufriedenheit einkehrt. Das macht mich ehrfürchtig.

Was unterscheidet Palliativpflege von „normaler“ Pflege und welche Eigenschaften muss man dafür mitbringen?
Füser: Empathie und Geduld sind auf jeden Fall wichtig. Jeder geht seinen eigenen Weg in seinem Tempo. Wir können nur begleiten und unsere Hilfe anbieten. Und wir müssen es auch aushalten können, wenn uns ein Weg oder eine Entscheidung mal nicht gefällt, und den Patienten dann darin trotzdem nach unseren Möglichkeiten unterstützen.

Unterstützen Sie die Menschen auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus?
Langer: Wir beraten die Patienten vor der Entlassung und bieten ihnen an, ihre Entlassung zu organisieren. Beispielsweise die Überleitung an ein ambulantes Palliative- Care-Team, welches dann die Weiterversorgung übernimmt. Es gibt hier durch das Hospiz- und PalliativNetz Region Kassel eine gute Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen hospizlichen und palliativen Bereichen. Füser: Trotzdem muss auch politisch und organisatorisch mehr für die Weiterversorgung getan werden, denn es ist oft schwierig, einen freien Platz im Hospiz zu finden. (nh)

Bei der Übergabe des Körpermonochords (von links): Dr. med. Rainer Wollborn, Iris Füser, Medicus Geschäftsführer Christian Sittig und Marieluise Labrie.

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