Der Vorhof ist der Turbolader des Herzens

Vorhofflimmern – die häufigste Herzrhythmusstörung

Prof. Martin Höher und die Assistenzärztin Andrea Pinkernelle diskutieren die Befunde von EKG und transösophagealer Echokardiographie ("Schluck-Echo"). Foto: EKH/nh

Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung mit steigendem Alter. Beim Gesunden wird das Herz regelmäßig erregt und die Kontraktion der Vorhöfe führt zu einer optimalen Füllung der Herzkammern.

Die Vorhöfe bilden den Turbolader des Herzens. Beim Vorhofflimmern besteht dagegen eine chaotische, schnelle Erregung der Vorhöfe. Das Blut fließt passiv durch die Vorhöfe und das Herz schlägt unregelmäßig, da die schnellen Erregungswellen des Vorhofs (bis zu 400/min) nur unregelmäßig auf die Herzkammer übergeleitet werden. Tritt Vorhofflimmern neu auf, verspüren die Patienten einen schnellen, unregelmäßigen, pochenden Herzschlag. Häufig besteht Luftnot, da der Ausfall der Turbolader-Funktion des Vorhofs die Herzleistung um bis zu 30% absinken lässt. Bei Patienten mit schlechter Pumpleistung des Herzens (z.B. nach Herzinfarkt), mit verdickter Herzwand (z.B. wegen schwerer Blutdruckerhöhung) oder mit einer Verengung der Ausgangsklappe des Herzens (Aortenklappenstenose) kann neues Vorhofflimmern zu einer Notfallsituation mit starker Luftnot und Wasser in der Lunge führen.

Vorhofflimmern und Schlaganfall

Normalerweise pumpt das Herz in Ruhe ungefähr fünf Liter pro Minute und der Blutfluss im Herz ist relativ schnell. Bei Vorhofflimmern sind die Vorhöfe oft vergrößert und der Blutfluss ist am Rand und in Aussackungen sehr niedrig. Die bedeutsamste Aussackung ist dabei das linke Vorhofohr, das einen Eingang von etwa 2 cm und eine Länge von 5 cm aufweist. Bei normalem Rhythmus kontrahiert sich auch das Vorhofohr, bei Vorhofflimmern kann es hier aber zur Bildung von Blutgerinnseln kommen. Löst sich ein solches Gerinnsel und gelangt mit dem Blutstrom in das Gehirn, kann es eine akute Verstopfung und einen Schlaganfall auslösen.

EKG mit Vorhofflimmern erkennbar an den schnellen Wellen zwischen den Herzschlägen und dem unregelmäßigen Rhythmus.

Frühe und effektive Blutverdünnung

Zum Schutz vor Schlaganfällen werden Patienten mit Vorhofflimmern mit Blutverdünnern behandelt. Früher war dies fast immer Marcumar®, heute gibt es moderne und effektive Alternativen wie Eliquis®, Lixiana®, Pradaxa® und Xarelto®. ASS alleine reicht meist nicht. Eine früh begonnene, effektive und hinreichend lange Blutverdünnung ist die wichtigste Therapie des Vorhofflimmerns. Neuere Studien zeigen, dass Patienten mit Vorhofflimmern nicht selten eine Erkrankung des Vorhofgewebes aufweisen, die eine dauerhafte Blutverdünnung erfordert, selbst wenn das Vorhofflimmern nur zeitweise besteht.

Rhythmisierung oder Normalisierung der Pulsfrequenz ?

Bezüglich des Herzrhythmus gibt es für die Therapie des Vorhofflimmerns zwei Alternativen. Bei neuem Vorhofflimmern oder sonst weitgehend gesundem Herz strebt man eine Beendigung des Vorhofflimmerns an. Der effektivste Weg ist die elektrische Kardioversion durch einen Stromstoß. Hierdurch werden alle Zellen des Herzens gleichzeitig erregt (wie der Reset beim Computer) und die Führung übernimmt danach wieder der sogenannte Sinusknoten, der normale Taktgeber des Herzens. Die Alternative ist das Bremsen des schnellen Pulses zum Beispiel mit Betablockern, ohne dass das Vorhofflimmern beendet wird.

Verhinderung neuer Episoden mit Vorhofflimmern

Wenn Vorhofflimmern nicht durch eine außergewöhnliche Belastung ausgelöst ist (Alkohol und Schlafmangel, Operation, schwere Erkrankung) tritt es oft mehrfach auf. Dies kann verhindert werden durch spezielle antiarrhythmische Medikamente (z.B. Amiodaron) oder aber durch elektrische Verödung der Ursprungsorte im Herzen. Die Ursprungsorte liegen oft an den Einmündungen der Lungenvenen in den linken Vorhof, das häufigste Verödungsverfahren gegen Vorhofflimmern ist daher die Pulmonalvenen¬isolation. Großen Erfolg hat die Verödung bei anfallsweisem Vorhofflimmern ohne wesentliche Erkrankung des Herzens.

Vorhofohr-Okkluder (Schirmchen)

Wenn eine medikamentöse Blutverdünnung nicht vertragen wird oder es hierunter zu Blutungen kommt, z.B. im Darm, gibt es heute die Alternative, das linke Vorhofohr mit einem imlantierbaren Okkluder („Schirmchen“) zu verschließen. Dies erfolgt im Herzkatheterlabor ähnlich wie die Implantation von Stents. In örtlicher Betäubung wird ein Katheter von der Leistenvene über den rechten Vorhof und die Vorhofscheidewand in den linken Vorhof geschoben. Unter Kontrolle mit Schluckecho und Röntgen wird der im Katheter gefaltete Okkluder in das Vorhofohr vorgeführt und dort eröffnet. Der Okkluder wird von Gewebe überwachsen und dichtet das Vorhofohr ab. (nh)


Kontakt:


Prof. Dr. Martin Höher, MBA FESC

Chefarzt Kardiologie und Innere Medizin

Elisabeth-Krankenhaus Kassel

Weinbergstraße 7

34117 Kassel

Telefon 0561 7201-122

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